Gewissenlosigkeit, Gauselmann und Dreistigkeit ohne Grenzen
15. Mai 2012 von Kai Sender | Keine Kommentare
Erstaunliches geschieht manchmal. Per Zufall finde ich die Seite erstaunlich.at mit einem Artikel, der mich aus den Socken haut.
Eine riesige Spielbude eröffnet kommende Woche mitten im Wohngebiet von Schallmoos, direkt neben der Spielsuchtberatungsstelle… hier geht’s zum Artikel
Ich habe dazu in einem Kommentar unter anderem geschrieben:
Die Werbung der Spielhallenbetreiber mag gerne behaupten, dass in ihren Spielhallen Menschen sitzen, die einfach nur Spaß haben möchten. Ich weiß dagegen, dass mehr als jeder zweite Euro (56,4 % laut Studie des Fachbeirates Glücksspielsucht) in den Kassen der Automaten in gewerblichen Spielhallen von Spielsüchtigen verspielt wurde.
Der finanzielle Anreiz der Automatenanbieter liegt also nicht in der Befriedigung harmloser und wenig einträglicher Spielfreude, sondern in der möglichst raschen Schaffung von Spielsüchtigen. Das Geschäftsmodell der Automatenindustrie beruht wesentlich auf krankgemachten Menschen. Gewinnmaximierung ist in diesem Markt Suchtmaximierung. Und auf diesem Gebiet haben die Automatenanbieter keine Skrupel
Die Zahlen gelten zwar für Deutschland, aber laut Prof. Dr. Michael Adams vom Fachbeirat Glücksspielsucht bedeutet jede neue Spielhalle mit einem Jahresumsatz von 400.000 Euro zusätzliche 18 suchtkranke Spieler pro Jahr. Und diese wiederum geben jährlich im Durchschnitt 22.000 Euro in die Spielautomaten. Das wirkliche Geld ist also nur von kranken Spielern zu holen.
Die Glücksspielsucht ist laut Prof. Dr. Jobst Böning, Vorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, die schwerste und volkswirtschaftlich teuerste aller Suchterkrankungen. Die direkten und indirekten sozialen Folgekosten zu Lasten der Solidargemeinschaft liegen mit mindestens 40 Mrd. € pro Jahr noch über denen durch Tabak- und Alkoholkonsum (33,7 bzw. 26,7 Mrd. €).
Zumal auch die Auswirkung der Glücksspielsucht auf die Kriminalität nicht außer acht gelassen werden sollte. Angesichts des extremen Geldbedarfs, der aus der Glücksspielsucht erwächst, geht Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V., davon aus, dass mindestens jeder Vierte der betroffenen Menschen und damit mindestens 120.000 Personen durch ihre Spielsucht auf kriminelle Weise erheblichen Schaden angerichtet haben. Die meisten Menschen, die vom Glücksspiel nicht mehr loskommen, verkaufen zur Finanzierung ihrer Sucht zunächst kleinere Wertgegenstände. Dann versilbern sie schrittweise ihr Eigentum bis hin zum Auto oder gar dem eigenen Haus. Oder sie machen Schulden, bestehlen Familienmitglieder, betrügen alte Menschen oder ihren Arbeitgeber.
Ich habe neulich erst mit einem Therapeuten über die Glücksspielindustrie gesprochen. Er meinte, es sei mit das brutalste “anerkannte” Geschäft, das er kenne.
Und aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass die unfassbare Dreistigkeit, neben einer Suchtberatungsstelle eine Spielhalle zu eröffnen, in diesem Metier leider normal ist.
Also ehrlich, ich ärgere mich manchmal enorm über die Glückspielautomatenaufstellercasinoindustrie – und ehrlich gesagt, genieße ich diesen Ärger. So ein Gefühl habe ich früher seltenst zugelassen. Heute gestatte ich es mir immer öfter, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das tut mir so ungemein gut und war für mich früher doch anscheinend unmöglich.
Das war auch Thema an einem der letzten Gesprächsabende meiner Selbsthilfegruppe GGG – Gemeinsam gegen Glücksspielsucht (Link siehe rechte Spalte). Und eine Dame hat am Ende der Stunde, schon in der Abschiedsrunde, etwas ganz wunderbares gesagt. Sie meinte, Männer, die Gefühle nicht zulassen könnten, seien in ihren Augen schwach, im Gegensatz zu Männern, die ihre Gefühle zeigen könnten – die seien stark.
Das hat mir ziemlich gut getan. (Ich wußte nicht, wie stark ich bin, ha!)
Diesen Donnerstag wird auch wieder Gruppenstunde sein, aber ich gehe an Feiertagen und im Urlaub nicht zur Selbsthilfegruppe. Irgendwann muss Schluss sein. Sonst würde ich übertreiben mit meiner Beschäftigung mit der Sucht.
Fast jeden Tag beschäftige ich mich mit diesem Thema, Sonntagabend hatte ich den Anruf eines Rückfälligen und erst heute habe ich fast eine Stunde am Telefon jemanden Spielsucht und meine persönlichen Erfahrungen damit erklärt. Ich habe gequatscht und gequasselt, es sprudelte nur so aus mir heraus. So voll bin ich mit diesem Thema. Das ist auch gut so, aber ich möchte es auch nicht übertreiben.
Deshalb tiefstapelnd: Weitermachen!
PS: Novomatic Drogenhändler – na, das ist mal ‘ne Suchanfrage über Google, heute morgen…
PPS: Mein Blog über Glücksspielsucht hatte Besuch vom Gauselmannverein. Aber wieso, Jungs und Mädels vom größten Glücksspielautomatenhändler Deutschlands, sucht Ihr nach Novomatic? Seid Ihr nicht die Merkur-Leute? Die mit der Sonne?
PPPS: Da wir gerade über Schlechtes reden: Paul Gauselmann unterstützt laut Wikipedia mit der „Stiftung Kinderfamilien-Hilfe“ und einem Stiftungskapital von 1 Million Euro Kinder von Spielsüchtigen. Die Gauselmann AG nennt dies auf ihrer Internetseite übrigens ”…die temporär durch die übertriebene Spielleidenschaft ihrer Eltern” in Schwierigkeiten geraten sind.
Mann, Mann, Mann – ich liebe es ja, wenn jemand mit Wörtern umgehen kann. Besonders aufgefallen ist mir das in meiner Therapie im St. Marienstift bei dem hervorragenden Therapeuten Martin Bietendorf (hier und hier und hier und hier und…), der einen herrlich elaborierten Code sein Eigen nennen kann. Doch wenn man von Spielsucht als übertriebener Spielleidenschaft spricht, muss man wohl Gauselmann heißen.
Und zu schlechter Letzt: Der gute Mensch von Espelkamp, Paul Gauselmann, wurde dafür doch tatsächlich im Zuge einer Höherstufung mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. (Nein, natürlich nicht für dieses Wortverdrehen Wortspiel, sondern für die Stiftungseinrichtung. Oder für die Unterstützung der Stadt. Oder so.)
Ich finde Paul Gauselmann sehr clever. Eine Kuh kann man nur melken, solange sie lebt.
PPPPS: Ist die Überschrift dieses Artikels nicht außerordentlich gelungen? Bei aller Bescheidenheit? Echt?






