Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Trockengeburtstag im Weinkloster oder „Ich geh‘ mal eben nach Bethlehem!“

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Die Abtei St. Hildegard im Nebel. Wir hatten fast nur Nebel :-)

Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich vorletzte Woche, als ich mit einem Kollegen die Selbsthilfegruppe vorbereitete, auf der P2: Wir hatten nach dem Aufschließen, Kaffeekochen und Hinlegen der Kekse (merke: die wichtigsten Aufgaben beim Gruppenleiten!) noch etwas Zeit und unterhielten uns im Vorraum, als ich ein bekanntes Gesicht wiedersah: die Krankenschwester nämlich, die auf der P1 regelmässig Gruppenstunden abhält, um über die Folgen des Alkoholmissbrauchs aufzuklären. (Hier stands schon mal).

Sie sah mich auch, lächelte, schloss die Verbindungstür auf und nahm mich in den Arm, fragte mich, wie es mir ginge. Ich meine, ich hätte in der Zwischenzeit eine Langzeittherapie gemacht und sie sagte, das wisse sie doch. Wir haben dann noch kurz miteinander gesprochen und: das war ein tolles Erlebnis. Ich habe mich ziemlich gut gefühlt, weil sie sich offensichtlich gefreut hatte, mich zu sehen und auch wußte, was ich nach meiner Entlassung aus der P1 (wird hier nochmal erwähnt) gemacht hatte. Sehr schön!

In der letzten Woche fuhren Gisela und ich in ein Kloster.

Endlich kann ich mir nämlich genehmigen, mich wieder etwas mehr mit Religion / Kirche zu beschäftigen. Dass dies ein wohl tief sitzendes Bedürfnis von mir ist, hatte ich in der Langzeittherapie gelernt. Dort hatte ich ja schon mit einem Pater gesprochen, das war der erste Kontakt zu einem Kirchenmenschen seit über 17 Jahren.

Bescheidene Zimmer und natürlich ohne Radio oder TV

Als ich ihn damals in seinem Kloster besucht hatte, erfuhr ich von der Möglichkeit, in einem Kloster Tage der Stille verbringen zu können. Gisela fand die Idee gut und so hatten wir uns die Abteil St. Hildegard ausgesucht in Rüdesheim am Rhein. Wir hatten vor ein paar Jahren eine Reportage im NDR über das Kloster gesehen. (Die Nonnen haben übrigens eine vorzügliche, mit DreamWeaver gemachte Website: Kompliment!)

Der Ort Rüdesheim am Rhein ist ganz und gar hässlich, verbaut, eng und natürlich auf Weinbau und mehr noch Weintrinken ausgelegt. Es gibt dort z.B. die Drosselgasse, eine Art Ballermann für Senioren, laut und nervig. Glücklicherweise ist im November der Ort wie leergefegt. Auch das Kloster baut Wein an.

Die Tage im Kloster waren interessant, es war ein Experiment für uns und wir waren nicht nur neugierig auf „Klosterleben“ sondern auch auf die Erfahrung, ein paar Tage zu schweigen. Das Klosterleben ist natürlich strenger reglementiert, als man es sonst aus seinem Alltag gewohnt ist. So dauern die Mahlzeiten maximal eine halbe Stunde, sind doch relativ übersichtlich und nicht so lecker, wie ich mir das vorgestellt hatte. (Ich verstand unter Klosterküche so etwas wie ein Leckerparadies…). Die Mahlzeiten begannen jeweils nach Terz und Hochamt, Mittagshore und Vesper, den Gebeten der Nonnen in der Kirche, von denen es insgesamt aber noch mehr gibt:

Laudes 5.30 –   6.00 Uhr
Terz und Hochamt 7.30 –   8.30 Uhr
Mittagshore 12.00 – 12.15 Uhr
Vesper 17.30 – 18.00 Uhr
Komplet und Vigilien 19.20 – 20.30 Uhr

Ganz angetan war ich von den gregorianischen Gesängen der Nonnen und von der Stille bei den Mahlzeiten, die in einem schlichten Rahmen stattfanden, nachdem alle an ihrem Platz waren und ein Gebet gesprochen wurde.

Die stillen Mahlzeiten waren eine interessante Erfahrung. (Endlich hält der Sender mal seine Klappe!)

Die Nonnen waren ausnahmslos von einer echten Freundlichkeit. Offensichtlich müssen diese Frauen mit ihrem Leben sehr zufrieden sein. Gisela und ich hatten unsere Zimmer in einem neu gebauten Gästetrakt, der Bethlehem hieß. Ich fand es witzig, dass die Gastschwester uns dorthin brachte und im Vorbeigehen zu einer ihrer Mitschwester sagte, „ich geh‘ mal eben nach Bethlehem.“

Wir haben versucht, die Tage schweigend zu verbringen. Das ist nicht einfach und offensichtlich besteht ein Unterschied zwischen Schweigen und einfach nur stille sein. Es war ein faszinierendes Erlebnis und ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich das eigentlich alles finde. Zum einen war es schwer zu schweigen, zum anderen habe ich es genossen. Ich lebte halt viel mit meinen Gedanken und genoss die Ruhe, aber ab und zu wollte ich Gisela doch etwas sagen, zum Beispiel auf unseren Spaziergängen durch die Natur. Sich dann zu bezwingen, ist nicht einfach.

Am Dienstag klappte das mit dem Schweigen also noch nicht so, zumal ich 17. Trockengeburtstag hatte und wir das ein wenig feierten. Am Mittwoch aber waren wir schon ganz gut in der freiwilligen Beschränkung.

Für mich selbst ist das mit dem Trockengeburtstag so eine Sache. Natürlich ist es eine tolle Leistung, so lange trocken zu sein, 17 Jahre sind ja kein Pappenstiel. Das habe ich besonders in der Langzeittherapie im Marienstift gemerkt. Fast jeder, der das von mir hörte, war sehr erstaunt und oft wurde ich gefragt: „Wie machst Du das bloß?“ Aber ich kann nicht so richtig stolz darauf sein, denn immerhin habe ich ja eine Suchtverlagerung zum Glücksspiel hingelegt – und das trübt mir doch gewaltig den Stolz auf das abstinente Leben. Einmal, als ich in einer Gruppenstunde im Marienstift in Neuenkirchen bei der Vorstellung eines neuen Gruppenmitgliedes mich vorstellte und sagte, dass ich seit Dezember spielfrei sei, baten mich Horst Schwennen und Walter Maronde, doch auch zu sagen, seit wann ich denn trocken sei. Sie haben wohl gemerkt, dass ich damit irgendwie ein Problem habe.  Ich denke, das muss ich mir noch mal genauer anschauen und vielleicht zum Thema in der Gruppe machen. Kurz gesagt: Ich würde mich gerne mehr darüber freuen, aber ich fühle es nicht.

Der Blick auf den Rhein erschwert das Schweigen.

Was wir im Kloster genossen haben, war die Ruhe. Auch tagsüber wurden wir von geistiger Umweltverschmutzung verschont: kein Radio, kein Fernsehen, keine Ablenkung.

Wir werden auf jeden Fall noch einmal eine Zeit des Schweigens verbringen, dieses Konzentrieren auf sich selbst hat einfach was! Aber dann muss es schon länger dauern, mindestens eine Woche, denke ich. Man muss wohl erst im Schweigen ankommen. (Klingt komisch, ist aber so!)

Und damit genug für heute. Wie ich zum erstenmal nach neun Jahren meine Schwester wiedersah, das sage ich Euch später!

Deshalb mit Cliffhanger: Weitermachen!

 

Autor: Kai Sender

Ich bin spielsüchtig und alkoholsüchtig. Trocken bin ich seit 22 Jahren, spielfrei seit sechs Jahren. 2011 habe ich eine stationäre Therapie in der Fachklinik St. Marienstift - Dammer Berge GmbH - 49434 Neuenkirchen gemacht. Hier schreibe ich über meine Spielsucht und Alkoholsucht, meine Therapie und meine Gefühle und über das, was ich über mich und meine Sucht lerne. Du findest mich auch auf Google Plus, Facebook und Twitter. Außerdem kannst Du mir gerne mailen.

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