Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

In dieser Bibliothek links stehen die Bücher meiner Lügen aus der aktiven Suchtzeit. Und auf der rechten Seite. Und in der Mitte. Beide Etagen.

Die Feigheit vor dem Leben oder „Ich bin süchtig, aber das soll niemand wissen!“

| 2 Kommentare

 

In dieser Bibliothek links stehen die Bücher meiner Lügen aus der aktiven Suchtzeit. Und auf der rechten Seite. Und in der Mitte. Beide Etagen.

In dieser Bibliothek links stehen die Bücher meiner Lügen aus der aktiven Suchtzeit. Und auf der rechten Seite. Und in der Mitte. Beide Etagen.

Herrgott, Leute, überwindet doch endlich Eure Angst! Wer als Süchtiger zu Anfang einer Beziehung – zu einer Frau, einem Mann, den Nachbarn, den Arbeitskollegen oder der örtlichen „Rettet-die-Vögel“-Initiative – die Wahrheit sagt, braucht auch hinterher nicht zu lügen. Wer gleich zu Beginn die Dinge klarstellt, wer nach der Devise „Klar und Wahr“ lebt, erspart sich den typischen Lügnerstress : Wer weiß wie viel von meiner Krankheit, wem habe ich was gesagt, bei wem muss ich vorsichtig sein? Habe ich mich vielleicht schon verraten? Was mache ich, wenn sie es doch rauskriegen und mich dann fragen?

Ich habe schon so oft gesagt bekommen, dass ich zu offensiv mit meiner Sucht(geschichte) an die Öffentlichkeit ginge, es nicht jeder wissen müsste, ich es nicht jedem vor die Stirn knallen sollte, dass ich ein Suchti sei – aber immer nur von anderen Süchtigen, nie – nicht einmal – von Gesunden.

Ich habe genug gelogen während meiner aktiven Sucht-Zeit. Die Menge meiner Lügen füllt ein Drittel des Googleindexes und wird in den Annalen der Geschichte ihren prominenten Platz finden. Ich bin ein Lehrer, Meister, Magister im Lügen. Das Vorspielen falscher Tatsachen, das erfolgreiche Verschweigen der Wahrheit und Zurechttrimmen der Realität ist ein Sport, in dem ich locker den 8. Dan erreicht habe. Und es gibt nur neun.

Das ist jetzt seit einigen Jahren vorbei. Ich hatte dazu keine Lust mehr. Ich bin impotent im Lügen geworden. Ich kann es nicht mehr. Es ist mir zu anstrengend. Es verletzt, betrübt, hintergeht die Menschen um mich herum – und mich selbst! Es ist eine Missachtung der Menschlichkeit.

Deshalb braucht man mich nur anzupieken, wenn es um das Thema Sucht geht, und ich rede jeden in Grund und Boden. Ich bin so angefüllt mit meiner Geschichte, meinem Wissen über Sucht, dass es heraus muss. Ich habe das schon öfter erlebt, dass die Menschen überrascht waren. Und einige von ihnen lächelten dann und zollten mir Respekt für meine Leidenschaft, wenn es um das Thema Sucht geht.

Respekt – das ist es, was ich erfahre, wenn ich über mich und meine Sucht rede. Niemand hält mich – das ist ja die große Angst von uns Süchtigen – für einen Charakterlosen, für einen Schwächling. Und selbst, wenn sie es täten? Pfeif‘ drauf!

Die Sucht ist ein Teil von mir. Ich habe mir diesen Teil nicht ausgesucht. Auf der Liste „Was Kai an sich mag, Teil 1 bis 44“ ist er nicht aufgeführt. Aber auch sie macht mich aus – die Sucht. Deshalb gibt es Kai nur mit ihr. Und deshalb halte ich damit auch nicht hinter dem Berg.

Damit habe ich bisher nur gute, nein sehr gute, Erfahrungen gemacht.

Und ich kann jedem Süchtigen nur empfehlen, es ebenso zu halten. Es entspannt.

Deshalb traut Euch: Weitermachen!

PS: Ein ganz spezieller Dank geht an Zekiye, Paulo, Banu, Sabine, Claudio, Cey und Hamudi für Ihre Akzeptanz – das ehemalige Team der Meeresbrise!

PPS: Der heutige Gruß geht nach Quorn in Australien, an das nette Paar!

PPPS: Lieber Anrufer aus Berlin: Ich kann leider keine Spielhallen schließen. :-)

Autor: Kai Sender

Ich bin spielsüchtig und alkoholsüchtig. Trocken bin ich seit 22 Jahren, spielfrei seit sechs Jahren. 2011 habe ich eine stationäre Therapie in der Fachklinik St. Marienstift - Dammer Berge GmbH - 49434 Neuenkirchen gemacht. Hier schreibe ich über meine Spielsucht und Alkoholsucht, meine Therapie und meine Gefühle und über das, was ich über mich und meine Sucht lerne. Du findest mich auch auf Google Plus, Facebook und Twitter. Außerdem kannst Du mir gerne mailen.

2 Kommentare

  1. Hallo Kai, ich habe mehrfach im Leben eine Doppelrolle gespielt. Es ermüdet, woha, und wie. Es ist dennoch ein Suchtreiz, den das wirkliche Leben in Wirklichkeit nicht toppen kann. Und doch: Seit 1999 (eine unglaubliche Begegnung, mehr gerne per PN oder Anfrage per E-Mail oder telefonischen Kontakt, nur Mut, Kai, ich bin kein militanter, sondern ein unglaublich erfahrener Mensch in allen Lebenswasssern) lebe ich MICH. Seitdem erlebe ich böse Kommentare, hochgezogene Augenbrauen, Leute, die mich trotz lautem Gruß nicht zurück grüßen usw.) im Überfluss. Und doch: That’s me! Das bin ich, und ich vertusche es nicht. Nicht für die geliebte Eitelkeit eines Dorfes, nicht für den Seelenfrieden meiner Verwandtschaft. „That’s me“ würde wahrscheinlich viel mehr Süchtige aus der Sucht holen als jeder Therapieansatz…

  2. Annette, auf jeden Fall. Da hast du recht. Mit jeder Lüge weniger die man von sich gibt, steigt ein ganz klein wenig die Selbstachtung. Und damit sinkt wieder ein ganz klein wenig der Druck, seine schlechten Gefühle mit Zocken zu betäuben.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.