Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Das Beste war das Kinderheim

Bei mir sitzt mein Lieblingsstreithahn David, 44 Jahre alt, er kommt aus Münster und ist von Beruf Akustiker. Er ist geschieden und hat eine Tochter im Alter von 15 Jahren. David ist spielsüchtig und auch in Therapie in der Fachklinik St. Marienstift Dammer Berge in Neuenkirchen. Er ist in meiner Gruppe und erzählt:

Dies ist der erste Teil von Davids Erzählung über sein Leben.
Foto © Stephen VanHorn

Also momentan geht es mir geistig ganz gut, körperlich schlecht. Ich hatte hier in der Sporttherapie einen Unfall beim Fußballspiel – Du warst ja auch auf dem Platz – und habe mir wohl einen Bänderriß zugezogen.

Die Klinik hat mir gut getan bisher. Bevor ich meinen Sportunfall hatte, war mir schon klar, dass ich meine Therapie verlängern möchte, vor der Klinik war ich schon vier Wochen krank geschrieben, und jetzt habe ich die weitere Krankschreibung wegen des Knies. Da ich aber sowieso krank geschrieben bleiben werde für die nächsten Wochen, möchte ich dann die Zeit doch lieber nutzen, um hier an mir weiter zu arbeiten.

Ich bin jetzt hier seit neun Wochen und im Vergleich mit dem ersten Tag und heute, da kann ich nur sagen, es liegen Welten dazwischen. Ich habe mich verändert. Ich war früher aggressiv, habe keinen an mich herangelassen und hatte quasi ein Schutzschild.

Ist das jetzt anders?

Auf jeden Fall. Ich gebe zwar immer noch nicht 100 Prozent von mir preis, aber ich denke, 90 Prozent sind das schon, so ein wenig sollte man schon für sich behalten.

Mein Selbstbewusstsein war immer gering, ich dachte, ich müsse immer etwas darstellen, um anerkannt zu werden.

Ist Dir Anerkennung wichtig?

Ja, ich möchte ja nicht als schlechter Mensch dastehen.

Im Kinderheim fühlte David sich wohl.
Foto: © Maria.P./fotolia

Magst du über deine Kindheit erzählen?

Das beste in meiner Kindheit ist gewesen, dass ich mit sieben Jahren in ein Kinderheim eingewiesen wurde, durch das Jugendamt. Meine Eltern hatten eigentlich nie Zeit für uns Kinder (drei Brüder und eine Schwester) und waren selten zuhause.

Ich denke mal, daher kommt das auch. Ich wollte immer besser als meine Eltern werden. Das ganze Umfeld, mit wem sie es zu tun hatten, wie es in der Wohnung aussah, beide hatten keine Lehre gemacht und wirtschaftlich war es stets sehr anstengend. Wir hatten eigentlich nie Geld oder so.

Als ich im Heim war, bin ich in den Ferien selten nachhause gefahren, ich bin lieber da geblieben und habe an irgendwelchen Sachen teilgenommen, Ferienfreizeit und so, als nach Hause zu fahren. Ich denke, daher kommt das auch mit dem Familenkram, dass ich halt unbedingt eine richtige Familie haben will, auch mit Kindern und so und einfach ein Zuhause. Ich will wissen, dass ich nach Hause komme, nicht dass ich nur in die Famile zurückkomme, sondern wo ich sagen kann, das ist mein Zuhause.

Wie lange bist du im Heim geblieben?

Ich bin acht Jahre im Heim geblieben, vom 7. bis zum 15. Lebensjahr. Es war damals üblich, dass man nur bis zur Lehre im Heim blieb. Dann bin ich zurück nachhause zu meiner Mutter gezogen und habe zwei Jahre eine Lehre gemacht und bin dann mit 17 Jahren von zuhause ausgezogen, in meine eigene Wochnung.. Dann habe ich die Lehre nach einem weiteren Jahr beendet.

Im Kinderheim war es zu 90 Prozent immer gut, ich hatte Freunde, durch mein Auftreten war ich so eine Art King, wir haben ziemlich früh die anderen dominiert.

Hattest Du im Heim auch schlechte Erfahrungen gemacht?

Eigentlich nicht, obwohl: die ersten Kontakte zu Mädchen waren anstrengend, weil es da unter den Jungs öfter auch Machtkämpfe gab, nach dem Motto „lass die Finger von ihr!“

Als Du nach Hause gekommen bist, zu Deiner Muter, wie war das?

Im Prinzip habe ich da nur geschlafen, ich wurde nicht gefragt, was ich so machte, eigentlich hatte ich nur ein Dach über dem Kopf.

Auch keine Liebe?

Nein, wenn da keiner ist, kann dir auch keiner Liebe geben.

In den ganzen Jahren habe ich meinen Vater vielleicht dreimal gesehen. Er wohnte auch in einem anderen Ort, er war immer alleine, er hatte auch nie wieder geheiratet. Er war Alkoholiker. Aber die paarmal, die wir uns gesehen haben, war er immer lieb, da haben wir auch mal etwas zusammen gemacht.

Ich wollte immer etwas besseres sein, als das, was ich vorher war. Und solange das Geld geflossen ist, hatte ich auch eine schöne Zeit, man hat Frauen kennengelernt, ich hatte Motorräder, Autos. Ich hatte das Gefühl gehabt, dass die Leute gerne mit mir zusammen waren, bis es dann bergab ging.

Solange das Geld geflossen ist? Wo hattest Du es her?

Von der Arbeit, vom Zocken, teilweise was geliehen, Schwarzarbeit.

Wenn ich das jetzt mal zusammenrechne, nur alleine, was mich die Frauen gekostet haben, hätte ich jetzt ein schönes Häuschen stehen. Was mir sehr wichtig war oder immer noch wichtig ist und was ja auch in der Klinik auffällt, ist dass ich auf mein Äußeres achte, denn das ist der Grundstein dafür, dass Dich überhaupt jemand anspricht. Und natürlich auch das Verhalten. Knigge ist sehr wichtig für mich.

Wann hat es mit Deiner Sucht angefangen?

1999, eigentlich bin ich erst ein paarmal losgegangen und habe gut gewonnen. Dann habe ich im Jahr 2000 sozusagen den ersten dicken Fisch an Land gezogen, das waren 35.000 DM, die ich in einer Spielbank gewonnen habe. Das hat ungefähr vier Stunden gedauert. Teils habe ich Gelder zurückgezahlt, teils neu investiert, Urlaub, Kleidung, das tägliche Leben.

Und als das Geld zur Neige ging?

Ging es wieder los. Ich hab das mal so gemacht, ich habe eine Frau kennengelernt, die hatte mit ihren Kindern einen Urlaub gebucht und zwei Tage später habe ich ein Fax bekommen, dass sie mich vermissen. Zwei Tage später bin ich zu meinem Meister gegangen, habe mir Urlaub geholt und bin hinterher geflogen. Ihr Vater hielt das für eine tolle Aktion und sie meinte, ich bin total verrückt. Ich habe gesagt, „Ja, nach Dir.“

Sie wusste natürlich nicht, dass mein Geld zusammengeborgt oder zusammengezockt war. Ich habe quasi das, was die zu fünft bezahlt hatten, alleine bezahlt, nur um in dasselbe Hotel zu kommen.

Ich wollte immer zu schnell zuviel, daran ist meistens alles gescheitert.

auf zum zweiten Teil!

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