Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Mama? Hier ist es total doof!

Bei der Pflegeabteilung angekommen, wurde mir nach dem EKG mitgeteilt, dass ich am nächsten Morgen um 6 Uhr zum Blutabnehmen müsse. Blutabnehmen? Hatte ich das richtig gehört? Bin ich nicht der, der panische Angst vor Spritzen und Nadeln hat? Ja, der bin ich und mir wurde schon mulmig im Bauch.

Im Anschluss an die Untersuchungen von den Schwestern wurde ich zu einem Arzt gebracht, dort wurde Gewicht, Größe und mein Wohlbefinden ermittelt. Die unterschiedlichsten Fragen wurden mir gestellt. Am Anfang unseres Gesprächs sagte der Doktor drei Wörter zu mir „Wald, Kerze und Stuhl“ und am Ende, nach den für mich teilweise lapidaren Fragen, wie zum Beispiel, ob ich Selbstmordgedanken habe, sollte ich diese drei Wörter wieder aussprechen. Damit prüfte sie mein Kurzzeitgedächtnis und wie aus der Pistole geschossen sprach ich mit einem gelangweilten Unterton diese 3 Wörter aus.

Im Anschluss brachte man mich zu meinem Bezugstherapeuten der Gruppe 7, Horst Schwennen. Der erste Eindruck ist sowohl für den Therapeuten als auch für den Patienten mit das Wichtigste, zumindest empfinde ich das so, denn auf dieses erste Gespräch wird der Grundstein der Therapie gelegt, der Therapeut macht sich ein Bild von seinem Patienten. Zuerst stellt man sich vor, damit jeder der Beteiligten auch weiß, mit wem man es zu tun hat, anschließend fragte Herr Schwennen mich über den Verlauf meiner Spielsucht aus, über Hobbys, Job und so weiter.

Im Prinzip gab ich ihm einen kleinen Schnelldurchlauf von meinem Leben, zum ersten Mal in meinem Leben sprach ich mit einem Fremden über die Drogensucht von meinem geliebten Vater, über ein Jahrzehnt habe ich dieses Geheimnis gehütet und nur drei Menschen anvertraut.

Ich machte es mir zur Lebensaufgabe, diese Sucht zu vertuschen, zu verneinen und für mich zu behalten und jetzt sprach ich mit ihm, Horst Schwennen, darüber, ein komisches Gefühl überkam mich, denn ich hatte ein Tabuthema gebrochen, auch wenn Papa jetzt fast 10 Monate tot war, löste ich mich noch immer nicht von dieser Aufgabe.

Auf die Frage, ob ich morgens gespielt hatte, stieß ich ein Nein hervor, ich log ihn an und es war mir völlig egal, denn ich wollte nichts mehr, als aus dieser grauenvollen Atmosphäre zu entkommen. Ich behauptete, dass ich 11 Wochen nicht mehr gespielt hatte, sagen wir mal so, wenn man die letzten zweieinhalb Tage nicht mitzählen würde, stimmte diese Aussage auch.

Mit Sicherheit, Norbert, bleibst du keine 16 Wochen hier.

Zum Abschluss klärte mich Herr Schwennen noch über ein paar Klinikregeln auf, wie zum Beispiel die zweiwöchige Ausgangssperre, wo mich auch keiner besuchen kommen darf.

Was? Mir wollte jemand die Freiheit rauben? Ich ließ es abprallen, speicherte jedes Wort, das Herr Schwennen sagte, aber innerlich war ich vielleicht schon wieder an meinem Daddelkasten. Nach einer guten Stunde, für mich gefühlte fünf Tage, verließ ich mit Herrn Schwennen sein Büro und ich wurde von einer Schwester in mein Zimmer gebracht.

Mir wurde erklärt, wofür ich die ganzen Schlüssel hatte und es wurde drauf hingewiesen, dass Wertsachen doch besser in den Safe eingeschlossen werden sollten. Wie bitte? Na toll, auch das noch, jetzt bist du auch noch mit Dieben hier. Egal wie pleite ich war, mir kam es niemals in den Sinn von anderen zu stehlen und hier? Stecken sie dich mit solchen Menschen zusammen?

Norbert zeigte der Suchtklinik St. Marienstift die rote Karte (Foto: shoot4u/Fotolia.de)

Ich machte mich innerlich verrückt, völlig überflüssig; suchte ich etwa einen Grund um wieder die weiße Fahne zu schwingen und mich den Automaten zu ergeben, um ihnen mitzuteilen, dass ich wieder einmal vor ihnen kapituliere? Ich ging erst mal eine Rauchen und rief meine Mutter an.

Mama? Hier ist es total doof, alles scheiße, ich glaube, ich komme wieder nach Hause. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr alles sagte und wie oft ich an diesem Tag bei ihr anrief, 5mal, 10mal oder 20mal, nur meine Ausrede, an die erinnere ich mich noch ganz genau: Du Mama, ich brauche keine stationäre Therapie, ich mach‘ ambulant weiter, suche mir einen festen Job, gehe einmal die Woche zum Psychologen, besuche zusätzlich einmal die Woche einen Suchtberater und noch freiwillig eine Selbsthilfegruppe, ich versprech es dir, nie wieder werde ich spielen, das ist hier eine Abschreckung für mich, ich werde hier kranker rauskommen, als ich angekommen bin.

Mama sagte, dass sich das alles wohl gut anhöre, es aber normal sei, sich so zu fühlen, weil man Heimweh hat und es dauert, bis man sich in der neuen Umgebung wohl fühlt. Natürlich wusste ich das mit dem Heimweh, aber ich wollte um jeden Preis wieder nach Hause! Spielen??? Ich betrat mein Patientenzimmer, ich sah meinen Zimmernachbarn – es war der vor Kai Sender – gab ihm die Hand und stellte mich vor, er tat das gleiche. Eigentlich sollte er mir die Klinik zeigen, doch er war der Meinung, dass er müde sei und doch lieber schlafen wolle, ich bekam als Vermerk, das es um 17,30 Uhr Abendbrot gab.

Mir platzte der Kragen, denn ich wusste nichts von der Klinik, nur das ich Blut abgeben muss und das passte mir sowieso nicht, die Angst siegte, meine Sucht siegte und ich schnappte meine ganzen Sachen, die ich mitgebracht hatte, begab mich schnurrstracks zur Pflege, wo ich den beiden Schwestern begegnete, die mich auch bei der Aufnahme untersucht hatten. Ich fragte die beiden, mit wem ich sprechen müsse, wenn ich die Klinik sofort verlassen will.

Beide versuchten mich natürlich zum Bleiben zu überreden, doch ich hatte mir längst schon in den Kopf gesetzt, diese Einrichtung zu verlassen, selbst als ich bei der Chefin der Klinik in ihrem Büro saß und sie auf mich einredete, ließ sich nichts mehr an meiner Meinung rütteln und so unterschrieb ich nach 20 Minuten des vergeblichen Redens über das Bleiben im Marienstift meine Entlassungspapiere, selbstverständlich ohne ärztlichen Rat, aber das war mir egal.

Und so kam es, dass ich nach sechseinhalb Stunden Suchtklinik wieder im Auto saß und Richtung Heimat fuhr mit einem Ziel! Nie wieder Spielen! Sicher? Ich redete mich stark, dass ich so eine Klinik nicht brauchen würde und dass mir die Automaten gestohlen bleiben können! Kurz bevor ich in die Straße, wo mein Elternhaus steht, einbog, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich nicht doch vor meiner Sucht kapituliert hatte?!

 Ersten Teil verpasst?

2 Kommentare

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