Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Meine Ankunft direkt aus der Spielhalle

Mein Zimmergenosse, der spielsüchtige Norbert (Name geändert) schreibt folgendes über seine Ankunft hier in der Suchtklinik St. Marienstift Dammer Berge in Neuenkirchen, also über den Beginn seiner Langzeittherapie:

Immer verdrängt und doch in die Stationäre Therapie gegangen

Die Verzweiflung kommt unweigerlich...

Die Verzweiflung kommt unweigerlich...

Ein Philosoph stellte einmal die Frage „Sind wir Menschen, weil wir zu den Sternen aufschauen oder schauen wir zu den Sternen auf, weil wir Menschen sind. Schauen die Sterne denn zurück?“

Ein Leben wie ein Kaiser habe ich mir immer gewünscht! Geld, Ruhm und Macht wollte ich erlangen, Sorgen und Nöte mit meiner Sucht verdrängen! Einen Namen bekommen, aber was für einen? N. der Spieler?

Geld durch das Spielen zu erlangen, war mit eine der größten Lügen, die ich mir selber machen konnte, Ruhm zu ernten, weil ich ein Spieler bin, die zweite Lüge.

Macht! Was ein Wort. Was ist Macht? Dass ich der Herr der Automaten oder des Pokertisches bin? Dass ich die Kugel am Roulettetisch beeinflussen kann? Dass ich beim Black Jack die Karte tippen kann? Nein, das alles ist keine Macht! Macht ist es, wenn dir andere Menschen zuhören, wenn du sie begleiten kannst, ihnen etwas vermitteln kannst. Das ist Macht, ein Wort, das viele Menschen falsch gebrauchen. Ich hoffe dass ich nicht dazu gehöre!?!

Viele Monate hatte ich auf diesen Tag hin gefiebert, den Aufnahmetag meiner stationären Reha im St. Marienstift Dammer Berge in Neuenkirchen, einer Fachklinik für Suchterkrankungen, und endlich war er gekommen. Hatte ich mich die Tage zuvor noch stark geredet, saß ich jetzt im Auto, bei hohem Herzschlag und gewaltigen Zittern, mein Kopf rauchte förmlich und ich zerbrach mir über Land und Leute den Kopf: ist mein Stubenkamarad in Ordnung, wie sind die Therapeuten, ist das Essen gut?

Alles fiel mir an diesem Morgen zu überdenken ein, jede Kleinigkeit machte mir Sorgen, schnell noch mal Zocken gehen? Nein, du hast dein letztes Geld doch gestern eingesetzt und dich bis in die frühen Morgenstunden von deinen geliebten Spielautomaten verabschiedet. 500 Euro hat dich doch wieder der Spaß gekostet und es hat dir nicht gereicht? Offensichtlich nicht, denn der Spieltrieb war die ganz Zeit über in mir.

So wie ich es mir vorgenommen hatte nach dem Türkei Urlaub, den ich vor der Reha noch schnell mit meiner Verlobten verbracht hatte, kam es natürlich doch nicht. Nie wieder spielen wollte ich, doch verabschieden musste ich mich ja wieder aus dem Urlaub und zuhause bin ich wieder auf den Geschmack gekommen, das heißt um ehrlich zu sein: der Geschmack war die ganze Zeit über da, denn ich fieberte ja auf meine Abschiedstourne hin.

Jeden Tag freute ich mich auf das letzte mal Spielen und ich nahm mir vor, dass das auch dann für mich nie wieder Spielotheke bedeutet, aber es kam anders. An dem Tag vor dem letzten Tag war ich auch schon wieder zocken. Meiner Freundin erzählte ich wieder einmal, ich müsse auf der Arbeit einen Fehler beseitigen und so war die Bahn frei für mein Hobby oder meine Sucht.

Als ich in die Einfahrt zum Klinikgelände einbog, erfreute ich mich an den Bäumen, den Wiesen und der Landschaft, etwas bergig, nahezu idyllisch, ein kleines bisschen Schweden.  Ich parkte das Auto, packte meine Sachen und begab mich zur Aufnahme. Doch als ich den Eingang des Gebäudes betrat, überkam mich ein kalter Schauer, wie als ob ich im Gewitter stand. WO BIN ICH BLOß???

Die ersten Patienten – es müssen Alkoholiker gewesen sein – begegneten mir und ich spürte ausgestrahlte Kühle von mir aus, man könnte sagen, ich versprühte Ignoranz, denn mit denen wollte ich mich zu diesen Zeitpunkt nicht abgeben.

Funken und Donner! Was ist das denn hier? Hatte ich noch auf der Hinfahrt von einem Hotel geträumt, befand ich mich mitten in einem…naja…sagen wir mal Krankenhaus, zumindest roch es danach, voller Menschen, die ich immer gemieden hatte und eigentlich immer meiden wollte.

Dieser Eindruck macht dich noch mehr Krank, N.! Ich stellte mich bei der Anmeldung vor, natürlich mit Verspätung, ich hatte zwar angerufen um zu erklären, dass ich eine Autopanne hätte und auf den ADAC wartete, doch in Wirklichkeit habe ich mit meinem Auto den nächsten großen Rasthof angesteuert, um erst mal eine Pause zu machen, ich sah schon 5 km vor der Abfahrt Autohof das blinkende Schild, ein gewaltiges blinkendes, ja funkelndes Schild in seiner vollen Pracht mit der riesigen Krone als Glücksbringer – zwar kein Geld auf Tasche, doch diese wundervolle EC-Karte im Gepäck.

Zum Glück hatte ich mir noch vor der Abfahrt zur Klinik 200 Euro aufs Konto eingezahlt. Es sollte eigentlich für Sprit, Tabak und Naschkram sein, aber Zocken ist doch viel wichtiger und im Notfall würde ich meine Mutter anrufen und ihr wieder mal eine atenberaubende Geschichte erzählen, wo mein Geld geblieben sei. Ich betrat kurzerhand die Spielothek, grade die an der Autobahn, die schön große mit besonders vielen Automaten, wo man auch schneller seinen wunderschönen Automaten wechseln kann, falls er nicht läuft und keine Freispiele wirft.

Ich ging nach vorne zum Tresen, bestellte eine Cola und sagte der Bedienung, einer geschätzt 60-jährigen Frau, dass ich 100 Euro im EC- Cash ziehen möchte. Oh, jetzt darf meine EC- Karte bloß nicht versagen, es wäre ja nicht das erste mal, dass auf dem kleinen Gerät „Karte nicht lesbar“ steht, das wäre der Untergang für mich. Plötzlich riss mich die Frauenstimme aus diesem grauenvollen Gedanken, „Geheimzahl bitte und auf grün bestätigen.“ Sie fragte mich, wie viel ich gewechselt haben möchte. „Alles bitte“, sagte ich.

Gleich N., gleich ist es soweit, nur einen kurzen Moment, dann hast du diese tollen schönen befriedigenden 2 Euro Stücke in der Hand, andere Menschen freuen sich auf 50 oder 100 Euro-Scheine, doch ich wollte nur 2 Euro-Stücke haben! Ich bekam sie: 50 zwei Euro-Stücke und schnell machte ich mich zu den Novolinern auf, da 5 Zweier rein, da 5 Zweier rein, dahinten da waren noch 2 Automaten zum Hochdrücken frei, diese beiden münzte ich auch mit jeweils 10 Euro auf.

Bevor ich die ersten Walzenumdrehungen startete, bekam ich den ersten Kick, noch 60 Euro im Becher und 100 Euro noch Reserve auf dem Konto, also nicht gleich aufhören müssen, weil das Geld alle ist.

Direkt auf 50 Cent pro Runde stellte ich beide Novoliner natürlich auf mein Glücksspiel „Book of Ra.“ Wieder einmal träumte ich von dem Riesengewinn damals, zumal ich wusste, dass die Automaten mittlerweile nur noch maximal 1.000 Euro pro Runde an Gewinn anzeigen, aber allein das Gefühl, 1.000 Euro in Form von einem wunderschönen Bild zu erlangen, war atemberaubend. Da kamen fast die drei so wichtigen Bücher, und an dem anderen rutschen sie grade rein, als Gewinnsymbol kam „K“ und mit 2 Vollbildern hatte ich nach Ablauf der 10 Spiele knapp 200 Euro auf dem Daddelkasten.

Wer nicht aufhört, muss mehr aufgeben, als er gedacht hat...

Wer nicht aufhört, muss mehr aufgeben, als er gedacht hat...

Der andere Automat war leer gespielt und ich musste ihn wieder aufmünzen. Mein Kasten mit den 200 Euro wurde schnell langweilig und ich stellte ihn auf 2 Euro die Umdrehung, beide Automaten ließ ich laufen und ich widmete mich jetzt den beiden zum Hochdrücken.

Zack! Der eine ging sofort bei einem Einsatz von einem Euro pro Runde auf 140 Euro hoch, der andere war leer gespielt. 140! Dieses tolle Geräusch und die Blicke beziehungsweise die Anerkennung der anderen Spielgäste kickte mich noch mehr, einer rief „Sauber Junge und jetzt raus nach Hause!“, doch ich wollte nicht. Auch diesen Automaten stellte ich auf 2 Euro die Walzendrehung. Ich schaute schon ganz zittrig zu meinem Novoliner und stellte fest, dass dort nur noch 60 Euro auf der Uhr standen, mittlerweile war mein Münzenpott auch bis auf läpperliche 5 Zweier geschrumpft und ich stoppte beide noch laufende Automaten und begab mich wieder an den EC – Cashkasten, um mehr Geld zu holen.

Um’s auf den Punkt zu bringen: hätte ich ziemlich am Anfang des Hallenbesuchs die Flagge gesenkt, wäre ich noch mit etwas über 300 Euro ins Auto eingestiegen, doch nach anderhalb Stunden verliess ich die Spielo mit minus 200 Piepen und der Kick war beim Fahren zum Marinenstift schon wieder halb verflogen, spätestens als ich bei dem Herrn in der Anmeldung saß, der mir gleich erzählte, ich müsse zum EKG und zum Arzt für die Aufnahmeuntersuchung.

Geschrieben von Norbert, 29. Juni 2011

 

Meine Anmerkungen dazu:

1. Wer bei Google nach „Book of Ra“ sucht, erhält über drei Millionen Ergebnisse.

2. Weil ich kein Automatenspieler war, hatte ich nicht gewußt, dass man in einer Spielhalle mehr als 1.000 Euro gewinnen kann. Aus den Erzählungen meiner Mitpatienten weiß ich, dass die als süchtig erkannten Spieler mit Pizza, Döner, Cola, Kaffee und so weiter sehr sehr großzügig umsorgt werden. Kühe müssen schließlich gemolken werden…sie werden auf die grüne Weide geführt, gestreichelt, gefüttert – und dann geschlachtet. Da können sie noch so treuherzig gucken…

3. Es gibt hunderte Internetseiten, die einem vorgaukeln, man könne bestimmte Tricks anwenden, um bei diesem Spiel zu gewinnen, man müsse sie nur kennen. Das könne man ganz einfach gegen eine kleine Gebühr von xx Euro erfahren, man müsse nur eben bezahlen und schon…Diese Seiten nutzen die Vorstellungen süchtiger Spieler aus, man könne das Spiel irgendwie beeinflussen.

Es gibt eine Untersuchung, nach der Spielsüchtige bei einem Fastgewinn dieselbe Menge an Dopaminausschüttung erleben wie bei einem Gewinn. Wenn man also nur zwei Gewinnsymbole auf der Walze erhält und erst bei dreien etwas gewinnt, ist das für einen Spielsüchtigen ein Fastgewinn und löst irrationale Gedanken aus. „Siehste, fast gewonnen, ich glaube, das Ding schmeißt gleich ordentlich was raus!“

Solche Untersuchungen werden natürlich auch von der Glücksspielindustrie verfolgt und bei der Programmierung mit bedacht. Es sollen mathematisch nicht vertretbar überdurchschnittlich viele Fastgewinne auftreten – nicht wahr, liebe Glücksspielindustrie?

4. Wahrscheinlich ist der Name Book of Ra geschützt, deshalb weise ich extra darauf hin. Book of Ra™ deluxe is a registered trademark of Novomatic.

5. Selbst ich als Glückspielsüchtiger bin überrascht, dass es anscheinend eine eigene Welt für sich gibt, die sich nur mit dem Book of Ra beschäftigt. Unbemerkt von vielen.

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6 Kommentare

  1. Hallo Norbert

    Meine Familie erlebt gerade etwas Ähnliches wegen dem Geld. Mein süchtiger Angehöriger hat wieder einmal das Konto seiner Tochter geplündert und jetzt hat er entgegen der Vereinbarung die Kontrolle seines Geldes durch seine Frau bei der Bank zurückgenommen, sodass er nächsten Monat über das ganze Familiengeld verfügt und es durchballert, wenn wir nichts tun. Wir sind so verzweifelt bei allem Verständnis für seine Sucht, weil eine ganze Familie mit Kindern dann einfach kein Geld fürs Leben hat. Er ist leider nicht so einsichtig wie Du, sondern droht und dreht völlig durch. Keiner kann uns helfen, auch wenn wir z. B. Hilfe bei den Behörden suchen. Ich kann nur hoffen, dass er von diesem Trip noch diesen Monat runterkommt. Wir müssen immer Bewährungshelfer sein.

    Aber ich muss sagen, so wie Du hier reflektiert schreibst, denke ich, dass Du viel drauf hast und wirklich davon loskommen kannst. Bei uns im Ort weinte ich einmal deswegen. Da kam ein älterer Mann auf mich zu und tröstete mich. Er war vor 20 Jahren Alkoholiker und ist seither cleen geblieben.

    Und wenn Du es geschafft hast, kannst Du ev. anderen helfen – oder zumindest Dir selbst und Deiner Familie. Da mich das alles so kaputtgemacht hat in den Jahren, bin ich nun psychisch so unten, dass ich kaum Kraft habe für etwas Anderes. Ich bin ständig in Alarmbereitschaft. Es ist ein Gefängnis für alle, die Hölle.

    Also: Komm da raus und werde glücklich, ganz ohne diesen Mammon. Genieße ein neues, freies Leben!

    Lieben Gruß
    Selina

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