Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Selbstmordversuch, ein Sarg, eine Beerdigung und Abschaum

Bei mir sitzt Friedrich, 43, wohnhaft in Bremen, von Beruf KFZ-Mechaniker, ledig, spielsüchtig. Friedrich ist nicht aus meiner Gruppe, sondern aus einer anderen, befreundeten Gruppe. Er fiel mir das erste mal beim Bowling auf, höflich, nett, zuvorkommend, humorvoll und sanft. Ein Typ, den man sofort ins Herz schließt.

Als ich ihm sagte, dass ich einen Suchtbericht schreibe, zeigte er sofort Interesse und wollte später unbedingt seine Geschichte erzählen. Wir machten eine Termin. Er besuchte mich dann in meinem Zimmer, fing an zu erzählen. Was ich dann hörte, ließ mich nach einer Weile das Mitschreiben abbrechen, denn es bewegte mich doch zu sehr.

Eine Woche später fragte er mich mehrmals, ob wir nicht weitermachen könnten. Ich merkte, es brennt ihm auf der Seele. Bei zweiten Treffen las ich ihm vor, was ich bis dahin geschrieben hatte und er selbst war sehr bewegt. Er wollte aber unbedingt weitererzählen. Ich stelle diese Zeilen jetzt online, ohne dass er sie vorher noch einmal gelesen hat. Er wollte es so.

Friedrich erzählt:

Ich heiße Friedrich und bin spielsüchtig. Ich hatte keine Kindheit, von null bis 12 Jahren existiert für mich nicht, ich bekam viel Schläge, wurde eingesperrt, mit 6 Jahren hatte ich meinen ersten Selbstmordversuch, bis zu meinem 11. Lebensjahr eigentlich immer wieder, dann hörte es auf, weil ich erfahren hatte, dass meine Eltern sich scheiden lassen. Als ich 12 war, habe ich dann meinen Vater zum letzten mal gesehen, vor Gericht. Da mussten wir Kinder sagen, bei wem wir bleiben wollen.

Friedrich musste im Keller schlafen.
Foto: kadluba/flickr

Ich musste im Keller schlafen. Wenn meine Mutter weg war, musste ich in den Keller, auf einer Matratze schlafen. Mein Vater war ein Verräter, ein Niemand. Oder ganz krass: ein Arschloch. Er war Alkoholiker und ich war ein nicht akzeptiertes Kind, ich bin zwar von ihm gezeugt worden, aber er hat mich nicht als sein Kind angesehen.

Bis zum 16. Lebensjahr war eigentlich alles gut, der Tyrann war aus dem Haus, dachte ich , mit 16 Jahren bin ich dann das erste mal in einem Imbiss an einen Automaten gegangen und habe gleich 300 Mark gewonnen, schnell verdientes Geld, dann passierte das noch mehrmals, ja und dann fing es an: ich habe nur noch gespielt, das wurde immer mehr und dann habe ich alles und alle verleugnet, egal was, keine Freunde mehr, dann habe ich auch noch Leute abgezogen. Wenn die gewonnen haben, bin ich hinterher und habe sie zusammengeschlagen und ihnen das Geld abgenommen, da war ich mittlerweile 22, da ging das dann richtig los, so mit abziehen und noch mehr zocken, Hauptsache ich konnte spielen. Mit 16 war ich zuhause ausgezogen. Meine Mama ist 2006 gestorben, da bin ich wieder rückfällig geworden. Bis dahin war ich sechs Jahre spielfrei.

Zu meinem Bruder habe ich noch Kontakt, sonst zu keinem. Den Kontakt zu meinem Bruder habe ich durch meine Nichte, weil sie mein Engel ist, sie ist 4 Jahre, ich habe sie quasi aufgezogen, denn mein Bruder ist selbstständig und ich habe bei ihm gewohnt.

Ich habe mir immer Vorwürfe gemacht, ich bin hässlich, ich bin Abschaum, da kam dann noch hinzu, dass ich Menschen überfallen hatte. Das hat mich eigentlich bis kurz, bevor ich hier reinkam, belastet. Ich selbst wäre mein härtester Richter gewesen. Wenn ich vor Gericht gestanden hätte und der Richter hätte gesagt, drei Jahre, hätte ich geantwortet, „Nee, damit bin ich nicht einverstanden, sperren sie mich lieber ein Leben lang ein.“

Ich habe es ja nie anders kennen gelernt, nur Gewalt, Schläge, Brutalität. Nicht nur körperlich sondern auch verbal. Wenn man jeden Tag hört, man sei hässlich, er hätte mich lieber verhindert usw. dann ist das auch Gewalt. (Anmerkung: Friedrichs Vater hat andere Sätze zu ihm gesagt, unvorstellbar brutale Sätze, die ich hier aber nicht wiedergeben kann.)

Ich bin jetzt hier seit 10 Wochen, noch habe ich sechs Wochen vor mir. Für mich hat sich viel geändert. Meine Gedanken über mich sind anders geworden, das Verstecken vor Menschen ist weg, ich gehe wieder auf Menschen zu, meine Augen leuchten wieder, wie meine Mutter immer gesagt hat.

Mein erstes Ziel hier war, wieder ein Selbstwertgefühl zu kriegen, auch die Angst vor Menschen, dass die einem wehtun oder dass ich ihnen wehtue, ist geringer geworden. Ich will endlich wieder leben können und nicht mehr Angst haben, auch Angst davor, wieder auszurasten und Menschen wehzutun.


© Georg Preissl - Fotolia.com

Mit sechs Jahren bin ich nachhause gekommen mit einer eins in Mathe und habe Schläge bekommen, weil ich keine einsplus hatte. Mein Erzeuger sagte, „Du bist so dumm, Du hättest noch besser sein können!“ Da habe ich alles weggeschmissen, Tür aufgerissen und bin ab auf die Straße gelaufen. Da bin ich dann vor ein Auto gelaufen, das aber rechtzeitig angehalten hatte. Es hat mich zwar erwischt, und ich hatte mehrere Brüche, aber ich bin nicht gestorben. Deshalb habe ich die ganze Zeit geweint und die Ärzte haben das dann darauf zurückgeführt, dass ich unter Schock gewesen wäre, weil meine Mama nicht da war.

Mit sieben Jahren hatte ich dann auch einen Selbstmordversuch unternommen. Da habe ich mal wieder ohne Grund Schläge gekriegt und bin dann von einer Brücke gesprungen, aber leider bin ich im Wasser aufgekommen und habe überlebt.

Mit acht Jahren bin ich von einem Haus gesprungen und habe mir aber nur Arm und Bein gebrochen.

Als ich neun Jahre alt war, habe ich mir die Pulsadern aufgeschnitten, zuhause, im Keller, meine Schwester hat mich gefunden. Da hat mein Vater gesagt, „Scheiße, dass es nicht geklappt hat.“

Dann musste ich zum Psychologen. Der hat nicht viel rausgekriegt, ich wollte ja meine Mutter nicht verletzen. Wenn sie nämlich da war, war Ruhe und ich wollte ja nicht, dass sie sich Gedanken macht. Ich wollte ihr nicht wehtun. Ich habe die Psychologen angelogen, dass ich das im Fernsehen gesehen hätte und das mal ausprobieren wollte. Außerdem hatte ich Angst, dass mein Vater davon erfährt und dann noch Schlimmeres mit mir macht.

Ich habe heute meinen Vater in mir drinnen in einem Verließ ganz tief unten eingesperrt und den Schlüssel weggeschmissen und das hilft mir.

Ich werde meinem Vater niemals vergeben oder verzeihen können. Für mich ist er eingeschlossen und ich kann ihn oft mal vergessen und das reicht. Dank hier fühle ich mich nicht mehr wie Abschaum, auch wegen meiner Freundin. Sie hat gesagt, „Du bist kein Abschaum und hässlich schon mal gar nicht!“


© babsi_w - Fotolia.com

Im Einzelgespräch mit Walter Maronde kam ich mit ihm zusammen auf die Idee einer Beerdigung. Er fragte, „Warum beerdigst Du das eigentlich nicht? Schmeiße den Mist weg!“ Ich hatte immer gesagt, „Ich bin Abschaum, ich bin Abschaum“, und da hat er mir so seine Thesen gesagt. „Beerdige das alles!“

Letzte Woche Freitag habe ich dann einen Sarg gemacht und darin meine komplette Vergangenheit rein gepackt, dass ich Abschaum bin, dass ich ein Nichts bin – und das alles habe ich dann begraben.

Ich habe Mittwoch meine Gruppe gefragt, ich wolle eine Beerdigung machen und ob sie mitkäme, und sie sind dann alle mitgekommen. Wir sind hier an der Klinik ans Wasser gegangen und haben dann an einem Baum die Beerdigung gemacht. Wir sind da also hin, die ganze Gruppe, wie bei einer richtigen Beerdigung. Einer hatte den Sarg getragen, einer hat das Loch gegraben und dann habe ich etwas gesagt, quasi eine Rede gehalten, dass ich keine tickende Zeitbombe mehr sein will und die ganze Vergangenheit vergessen will, dass ich von null bis 12 nicht gelebt habe, dass ich nur Scheiße gebaut habe danach und jetzt ein neues Leben anfangen will.

Jeder Gruppenkollege hat dann auch was gesagt. Einer sagte, dass er z.B. in mir nicht das sieht, was ich in der Gruppenstunde über mich gesagt habe, sondern dass ich auf einem sehr guten Weg sei und er mir jederzeit helfen wolle. Und die anderen haben so was ähnliches auch gesagt. Und Walter Maronde hat dann auch eine Rede gehalten.

Ich hatte nie vorher mit anderen gesprochen, jetzt ist das deutlich anders geworden.

Wenn ich heute mal überlege, wie es mir geht, kann ich nur sagen, sehr gut, weil es endlich Menschen gibt, die mich verstehen, die ähnliches erlebt haben und ich endlich mit ihnen darüber sprechen kann.

Wenn ich an die nächsten Wochen denke, werde ich Schritt für Schritt so weitermachen, erst mal ist mein Kopf wichtig und ich selber, auch jetzt schon arbeite ich an meiner Zukunft, z.b. habe ich bald schon einen Termin mit dem Arbeitsamt, ob es vielleicht eine Umschulung gibt.

Seit einem halben Jahr bin ich mit einer Frau zusammen, die meine komplette Wahrheit kennt. Und sie liebt mich so, wie ich bin. Das ist eigentlich unvorstellbar. Ich konnte von Anfang an gut mit ihr reden. Vorher habe ich so was nicht zugelassen, da war zu viel Angst, dass ich jemanden verletzen könnte. Oder sie mich verletzen kann.

Ich war alle die Jahre vorher sehr still, sehr zurückgezogen und habe mich selbst gehasst. Ich habe nie geredet. Und die Sucht hat mir Ablenkung gegeben, die Sucht, das Spielen war mein bester Freund.

Einen Tag bevor ich hierher gekommen bin, habe ich nochmal alles verzockt. Seitdem habe ich nicht mehr gespielt. Ich hatte noch einmal Spieldruck, als der Vater meines Zimmergenossen gestorben ist, das hatte mich so sehr an meine Mutter erinnert, die an Krebs gestorben ist. Da kamen auch die Gedanken an meinen Vater und seine Vorwürfe hoch.


© Gina Sanders - Fotolia.com

Meine Therapeuten wollen, dass ich mit ihm irgendwie ins Reine komme oder abschließe, aber ich will das nicht. In einem Einzelgespräch sollte ich probieren, meinem Vater etwas zu sagen. Dass ich so bin, wie ich bin, dass er mich doch mal mögen soll, dass er mich lieben soll. Aber das konnte ich nicht, weil das nie so sein wird. Dann habe ich gesagt, dass ich ihn manchmal am liebsten umgebracht hätte und das sollte ich dann gedanklich durchspielen, aber auch das wollte ich nicht, denn dann wäre ich nicht besser als er und dann würde dieses Abschaum-denken wieder hochkommen.

Mein Vater ist 1996 gestorben. Wie es ihm davor gegangen ist, weiß ich nicht und das hat mich auch nicht interessiert Ich hatte einen Anruf gekriegt von der Polizei, dass er an einem Herzinfarkt gestorben sei und ich habe nur gesagt, dass mich das nicht interessiere.

Damit ich alles vergessen konnte, habe ich früher 15 bis 17 Stunden gearbeitet und bin danach noch zocken gegangen. Und an den Wochenenden habe ich die Stunden natürlich alle durchgezockt. Ich hatte auch gedacht, lieber spielen, als Menschen zu verletzen. Mittlerweile habe ich hier gelernt, dass man manchmal nun mal Menschen verletzt, das kann keiner verhindern, aber eben verbal und niemals mit Schlägen. Darum bin ich ja auch hierher gekommen, weil ich Angst hatte, dass das Schlagen wieder losgeht.

Ich hoffe, dass es vielen Menschen durch meine Geschichte hilft, wenn da irgendwas mit Schlägereien und so weiter ist, dass sie dann ausbrechen können. Damit sie rechtzeitig erkennen, dass es Hilfe gibt oder sie aus dieser Situation raus müssen. Und dass ich es geschafft habe.

Und wenn ich es geschafft habe, schafft Ihr das auch!

4 Kommentare

  1. Das ist absolut der Hammer! Ich kann es nicht glauben, sowas gemeines! Aber ich drücvke Dir die Daumen!

  2. Pingback: »Und siehe, es war alles gut!« | Suchtbericht

  3. Hallo Friedrich,
    es ist Sa. 23. Juli und ich bin auf diesen Beitrag gestossen. Es ist natürlich auch mein Thema, momentan seit 16 Jahren Roulette 5 Wochen ohne.
    Ähnlichkeiten sind da – jeder von Allen hat seine eigene Geschichte, aber jeden von unserer ART bindet dieser Moloch.
    Ich möchte einfach ein freundliches „Hallo“ rüberbringen und mit viel toi toi Dir wünschen.
    Sei froh und es ist wohl das beste Geschenk für Dich eine tolle wissende liebende Liebe als „Gottesgeschenk“ bekommen zu haben.
    Enttäusche sie nicht und baue damit eine gute zweite Lebenshälfte.
    Und geniese dies, denn WIR sind um vieles geschliffen und können manches besser was die anderen nicht an sich erfahren müssen (musten).
    toi toi
    vom Rainer
    aus dem Allgäu*
    *na ja – fast Allgäu

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