Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

24. April 2011
nach Kai Sender
4 Kommentare

Der Start

Es ist Ostersonntag 2011 und ich hätte nicht gedacht, diesen Tag zu erreichen…jetzt geht es los, mein Suchttagebuch. Seit dem 8. Dezember 2010 bin ich spielfrei, seit dem 15.11.1994 bin ich trocken.

Trockengeburtstag im Weinkloster oder „Ich geh‘ mal eben nach Bethlehem!“

23. November 2011 nach Kai Sender | 1 Kommentar

Die Abtei St. Hildegard im Nebel. Wir hatten fast nur Nebel :-)

Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich vorletzte Woche, als ich mit einem Kollegen die Selbsthilfegruppe vorbereitete, auf der P2: Wir hatten nach dem Aufschließen, Kaffeekochen und Hinlegen der Kekse (merke: die wichtigsten Aufgaben beim Gruppenleiten!) noch etwas Zeit und unterhielten uns im Vorraum, als ich ein bekanntes Gesicht wiedersah: die Krankenschwester nämlich, die auf der P1 regelmässig Gruppenstunden abhält, um über die Folgen des Alkoholmissbrauchs aufzuklären. (Hier stands schon mal).

Sie sah mich auch, lächelte, schloss die Verbindungstür auf und nahm mich in den Arm, fragte mich, wie es mir ginge. Ich meine, ich hätte in der Zwischenzeit eine Langzeittherapie gemacht und sie sagte, das wisse sie doch. Wir haben dann noch kurz miteinander gesprochen und: das war ein tolles Erlebnis. Ich habe mich ziemlich gut gefühlt, weil sie sich offensichtlich gefreut hatte, mich zu sehen und auch wußte, was ich nach meiner Entlassung aus der P1 (wird hier nochmal erwähnt) gemacht hatte. Sehr schön!

In der letzten Woche fuhren Gisela und ich in ein Kloster.

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Kann mir jemand den zu Weihnachten schenken?

16. Dezember 2011 nach Kai Sender | Keine Kommentare

was zur Hölle bedeutet das bloß alles: Supervisor, Systemischer Therapeut, Systemischer Familientherapeut, Integrativer Sozialtherapeut, Psychotherapeut, Lehrtherapeut - und jetzt auch noch Kai-Sender-Therapeut...

was zur Hölle bedeutet das bloß alles: Supervisor, Systemischer Therapeut, Systemischer Familientherapeut, Integrativer Sozialtherapeut, Psychotherapeut, Lehrtherapeut – und jetzt auch noch Kai-Sender-Therapeut…

Hab‘ eine Weihnachtskarte von Horst Schwennen erhalten. Mein Lieblingstherapeut, der mich so hat zappeln lassen, der mir so geholfen hat, der so knallhart nachbohren kann, so voller Verständnis ist und einen fast britischen Humor hat.

Er behandelt jeden Patienten als gleichberechtigt und mit sehr viel Respekt.

„Bleiben Sie am Ball, damit es Ihnen weiterhin gut geht!“

Werd‘ ich machen. Dankeschön! Und heute geh‘ ich mal ’ne Karte kaufen…

Wir werden uns sehen, mein lieber Horst Schwennen!

Vorfreudig: Weitermachen!

Ab wann ist man spielsüchtig?

28. Dezember 2011 nach Kai Sender | 54 Kommentare

Die Frage „Ist mein Freund Mann Partner spielssüchtig?“ wurde mir in der letzten Zeit oft gestellt. Oder auch „Ab wann ist man eigentlich spielsüchtig?“ Eigentlich ist es relativ einfach, das zu beantworten.

So weit hergeholt ist das nicht: ich kenne einige Spielsüchtige, die Raubüberfälle begangen haben.

Man braucht dafür nur den gesunden Menschenverstand. Und muss rücksichtslos gegen seine Gefühle sein, wenn man den eventuell spielsüchtigen Partner einstufen möchte. Und das genaue Hinsehen auf die Situation und den Partner ist nötig. Also nicht die Augen verschließen und sich einreden, es ist nur eine Phase, das wird schon wieder, so schlimm ist es ja nicht…

Also: Spielsucht wird auch als pathologisches Spielen bezeichnet. Hört sich schlimm an. Ist es auch, es bedeutet nämlich krankhaftes Spielen. Gemeint ist, dass der Betroffene den Wunsch hat zu spielen, unabhängig von allen schrecklichen Folgen für seine Ehe, seine Familie, seinen Beruf, seine soziale Einbindung, seine Finanzen, seine…eben alles.

Von der Weltgesundheitsorganisation wird ein Verschlüsselungssystem der Medizin herausgegeben, es nennt sich ICD.  Die Ärzte in Deutschland und die Kliniken müssen entsprechend dieses Systems die gestellten Diagnosen verschlüsseln.

Und da steht nun folgendes über Spielsucht:

Pathologisches Spielen

Die Störung besteht in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt.

Wenn das nicht ausreicht, hier mal etwas anschaulicher formuliert, und zwar von einem der führenden Spielsuchtexperten, nämlich von mir…leider.

Irgendwann fängt man an mit dem Glücksspiel: in der Kneipe, in einem Imbiß am Automaten, im Internet auf den Pokerseiten…egal. Das ist in Ordnung, wenn es dabei bleibt.

Aber jetzt könnte folgendes auftreten: man spielt

  • immer häufiger
  • immer länger
  • mit immer höheren Einsätzen
  • Man verliert die Kontrolle über die Höhe des Einsatzes und spielt
  • mit allem zur Verfügung stehenden Geld: der Gehaltseingang am Monatsanfang wird komplett fürs Spielen abgehoben. Es werden Schulden gemacht. Wie man die Miete bezahlen soll, ist erst mal egal. Bis dahin gewinnt man ja wieder. Glaubt man.
  • Man versucht durch Spielen an mehreren Automaten gleichzeitig, an mehreren Pokertischen gleichzeitig, die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen zu erhöhen.

Jetzt kommen wir zum Ändern des Verhaltens: jetzt kommt nämlich das Lügen. Ich kann ein Lied davon singen.

  • Es wird gelogen auf Teufel komm raus, die Ehefrau wird angelogen, ebenso Freunde, Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen. Und sich selbst belügt man auch. Ich habe mich über zwei Jahre lang angelogen – und es hat geklappt. Mir war nämlich immer klar, dass ich morgen gewinnen werde. Ich war so sehr davon überzeugt, dass ich schon (Oh mein Gott, jetzt wird’s aber wirklich peinlich) Excel-Listen angelegt habe, in denen ich meinen Gewinn verteilte. Und weil ich mir so sicher war, dass ich alles richtig mache und ab morgen gewinnen werde, kam es mir gar nicht so vor, als würde ich lügen. Es war nur so: ich konnte das ja nicht erzählen, niemand würde es verstehen, aber wenn ich erst mal viel Geld gewonnen hätte, dann wären sie ja auch froh.
  • Natürlich gibt man nicht zu, in einer Spielhalle oder an einem Pokertisch gewesen zu sein. Man fängt an, heimlich zu spielen – und damit auch, heimlich zu leben.
  • Wenn man mal nicht spielen kann, wird man leicht aggressiv und ist ziemlich unruhig.
  • Man denkt andauernd ans Spielen, an bestimmte Spielsituationen, an bestimmte Automaten, an bestimmte Pokerblätter. Und mit andauernd meine ich andauernd: beim Aufwachen, beim Zähneputzen, Duschen, Brötchen schmieren, Frühstücken, Anziehen, zur Arbeit fahren…bis zum Einschlafen. Ich habe unentwegt an bestimmte Situationen am Pokertisch gedacht, an bestimmte Blätter – ich war so sehr gefangen von diesen Bildern, dass ich alles andere nur noch nebenbei gemacht habe.
  • Irgendwann realisiert man, dass man viel verloren hat. Dann sagt man sich, „ich muss wenigstens die Verluste wieder reinkriegen!“
  • Wenn man den Absprung vom Spielen nicht schafft, droht eine kriminelle Karriere. Denn zum Spielen braucht man Geld, viel Geld. Wo das Geld herkommt, ist egal, und wenn es durch Betrügereien ist oder durch andere sogenannte Beschaffungskriminalität.

Gelegentlich hat der Spielsüchtige auch helle Momente, in denen er erkennt, dass er vom Spielen nicht lassen kann. Er hat es schon ein paarmal versucht, aber es hat nicht funktioniert. Hilfe holen möchte er nicht, denn dazu schämt er sich zu sehr, darüber hinaus würde er dann auf die geliebte Spielsituation verzichten müssen. Dabei ist doch der Pokertisch der Ort, wo es ihm am besten geht. Oder die Spielhalle: die Leute dort mögen ihn, bringen ihm Cola, Pizza – alles kostenlos. Außerdem, wenn er jemanden davon erzählte, die könnten ihn ja als Charakterschwach einstufen, als Loser!

Dann will er unbedingt das Spiel austricksen: irgendwie muss es doch gelingen, diesen verdammten Geldspielautomat zu überlisten – oder die Pokertheorie so sehr zu büffeln, dass man mehr weiß als die anderen Spieler und mit diesem Wissen dann gewinnen kann.

Oft wartet ein Inkasso auf den Spielsuechtigen

Viele Spielsüchtige kennen dieses Wort ziemlich gut.

Es kommen dann merkwürdige Gedanken, die stark an Aberglauben erinnern: man glaubt, den Automaten „lesen“ zu können. Beim Roulette glaubt man, Serien zu erkennen („Jetzt ist 8-mal hintereinander Rot gekommen, jetzt muss Schwarz kommen!“). Das ist natürlich – der Leser ahnt es schon – völliger Quatsch: es könnte 2.382 Mal hintereinander Rot gekommen sein: die Wahrscheinlich für Schwarz oder Weiß wäre genauso groß wie immer.

Der Spielsüchtige hat einfach die Kontrolle über sein Spielverhalten verloren. Das kann ich relativ leicht verdeutlichen: Gewinne ich , spiele ich weiter, um noch mehr zu gewinnen. Verliere ich, spiele ich weiter, um überhaupt etwas zu gewinnen. Ich darf niemals aufhören, denn das würde ja bedeuten, ich könnte keinesfalls mehr die Verluste wieder zurückgewinnen oder mir würde zusätzlicher Gewinn entgehen.

Das gemeine am Spielen ist dabei, dass es ja gar nicht mehr ums Geld geht, sondern um den Kick! Das dopaminerge System im Körper hat sich durch das exzessive Spielen nämlich verändert. (Aber dazu in den nächsten Tagen mehr…)

Es ist einfach ein Teufelskreis, aus dem man alleine nicht herausfindet, es sei denn vielleicht, man ist Chuck Norris. Ich jedenfalls musste mir Hilfe holen. (Außerdem mag ich Chuck Norris nicht.)

Puh, das alles aufzuschreiben macht mich ganz schön fertig. Sucht ist so ätzend.

Und ab wann ist man nun spielsüchtig? Ich denke, ab dem Zeitpunkt, wo man nicht mehr aufhören kann. Und dieser Zeitpunkt ist bei jedem Spielsüchtigen verschieden. Es gibt also keine exakte Definition über den Zeitpunkt. Es gibt nur Anzeichen: Heimliches Spielen, Geld leihen, keine anderen Interessen mehr – sucht Euch was aus!

Ein kluger Mann hat mal gesagt „Der höchste Gewinn ist die Spielfreiheit! Mehr kann man nicht gewinnen.“

Du kannst auch den Selbsttest Glücksspielsucht machen. Ein paar Klicks (na ja, na gut: es sind 20 Klicks) und Du kannst Dich ungefähr einordnen.

Und noch etwas:

Mein Buch über meine Glücksspielsucht und meine stationäre Therapie ist jetzt (endlich) auch bei Amazon auf Lager.

Hier könnt Ihr es bestellen.

 

Daher gewinnbringend: Weitermachen!

PS: Der kluge Mann heißt übrigens Kai Sender und schreibt einen Blog über seine vermaledeite Sucht.