Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Trockengeburtstag im Weinkloster oder „Ich geh‘ mal eben nach Bethlehem!“

23. November 2011 nach Kai Sender | 1 Kommentar

Die Abtei St. Hildegard im Nebel. Wir hatten fast nur Nebel :-)

Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich vorletzte Woche, als ich mit einem Kollegen die Selbsthilfegruppe vorbereitete, auf der P2: Wir hatten nach dem Aufschließen, Kaffeekochen und Hinlegen der Kekse (merke: die wichtigsten Aufgaben beim Gruppenleiten!) noch etwas Zeit und unterhielten uns im Vorraum, als ich ein bekanntes Gesicht wiedersah: die Krankenschwester nämlich, die auf der P1 regelmässig Gruppenstunden abhält, um über die Folgen des Alkoholmissbrauchs aufzuklären. (Hier stands schon mal).

Sie sah mich auch, lächelte, schloss die Verbindungstür auf und nahm mich in den Arm, fragte mich, wie es mir ginge. Ich meine, ich hätte in der Zwischenzeit eine Langzeittherapie gemacht und sie sagte, das wisse sie doch. Wir haben dann noch kurz miteinander gesprochen und: das war ein tolles Erlebnis. Ich habe mich ziemlich gut gefühlt, weil sie sich offensichtlich gefreut hatte, mich zu sehen und auch wußte, was ich nach meiner Entlassung aus der P1 (wird hier nochmal erwähnt) gemacht hatte. Sehr schön!

In der letzten Woche fuhren Gisela und ich in ein Kloster.

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Kann mir jemand den zu Weihnachten schenken?

16. Dezember 2011 nach Kai Sender | Keine Kommentare

was zur Hölle bedeutet das bloß alles: Supervisor, Systemischer Therapeut, Systemischer Familientherapeut, Integrativer Sozialtherapeut, Psychotherapeut, Lehrtherapeut - und jetzt auch noch Kai-Sender-Therapeut...

was zur Hölle bedeutet das bloß alles: Supervisor, Systemischer Therapeut, Systemischer Familientherapeut, Integrativer Sozialtherapeut, Psychotherapeut, Lehrtherapeut – und jetzt auch noch Kai-Sender-Therapeut…

Hab‘ eine Weihnachtskarte von Horst Schwennen erhalten. Mein Lieblingstherapeut, der mich so hat zappeln lassen, der mir so geholfen hat, der so knallhart nachbohren kann, so voller Verständnis ist und einen fast britischen Humor hat.

Er behandelt jeden Patienten als gleichberechtigt und mit sehr viel Respekt.

„Bleiben Sie am Ball, damit es Ihnen weiterhin gut geht!“

Werd‘ ich machen. Dankeschön! Und heute geh‘ ich mal ’ne Karte kaufen…

Wir werden uns sehen, mein lieber Horst Schwennen!

Vorfreudig: Weitermachen!

Ab wann ist man spielsüchtig?

28. Dezember 2011 nach Kai Sender | 54 Kommentare

Die Frage „Ist mein Freund Mann Partner spielssüchtig?“ wurde mir in der letzten Zeit oft gestellt. Oder auch „Ab wann ist man eigentlich spielsüchtig?“ Eigentlich ist es relativ einfach, das zu beantworten.

So weit hergeholt ist das nicht: ich kenne einige Spielsüchtige, die Raubüberfälle begangen haben.

Man braucht dafür nur den gesunden Menschenverstand. Und muss rücksichtslos gegen seine Gefühle sein, wenn man den eventuell spielsüchtigen Partner einstufen möchte. Und das genaue Hinsehen auf die Situation und den Partner ist nötig. Also nicht die Augen verschließen und sich einreden, es ist nur eine Phase, das wird schon wieder, so schlimm ist es ja nicht…

Also: Spielsucht wird auch als pathologisches Spielen bezeichnet. Hört sich schlimm an. Ist es auch, es bedeutet nämlich krankhaftes Spielen. Gemeint ist, dass der Betroffene den Wunsch hat zu spielen, unabhängig von allen schrecklichen Folgen für seine Ehe, seine Familie, seinen Beruf, seine soziale Einbindung, seine Finanzen, seine…eben alles.

Von der Weltgesundheitsorganisation wird ein Verschlüsselungssystem der Medizin herausgegeben, es nennt sich ICD.  Die Ärzte in Deutschland und die Kliniken müssen entsprechend dieses Systems die gestellten Diagnosen verschlüsseln.

Und da steht nun folgendes über Spielsucht:

Pathologisches Spielen

Die Störung besteht in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt.

Wenn das nicht ausreicht, hier mal etwas anschaulicher formuliert, und zwar von einem der führenden Spielsuchtexperten, nämlich von mir…leider.

Irgendwann fängt man an mit dem Glücksspiel: in der Kneipe, in einem Imbiß am Automaten, im Internet auf den Pokerseiten…egal. Das ist in Ordnung, wenn es dabei bleibt.

Aber jetzt könnte folgendes auftreten: man spielt

  • immer häufiger
  • immer länger
  • mit immer höheren Einsätzen
  • Man verliert die Kontrolle über die Höhe des Einsatzes und spielt
  • mit allem zur Verfügung stehenden Geld: der Gehaltseingang am Monatsanfang wird komplett fürs Spielen abgehoben. Es werden Schulden gemacht. Wie man die Miete bezahlen soll, ist erst mal egal. Bis dahin gewinnt man ja wieder. Glaubt man.
  • Man versucht durch Spielen an mehreren Automaten gleichzeitig, an mehreren Pokertischen gleichzeitig, die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen zu erhöhen.

Jetzt kommen wir zum Ändern des Verhaltens: jetzt kommt nämlich das Lügen. Ich kann ein Lied davon singen.

  • Es wird gelogen auf Teufel komm raus, die Ehefrau wird angelogen, ebenso Freunde, Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen. Und sich selbst belügt man auch. Ich habe mich über zwei Jahre lang angelogen – und es hat geklappt. Mir war nämlich immer klar, dass ich morgen gewinnen werde. Ich war so sehr davon überzeugt, dass ich schon (Oh mein Gott, jetzt wird’s aber wirklich peinlich) Excel-Listen angelegt habe, in denen ich meinen Gewinn verteilte. Und weil ich mir so sicher war, dass ich alles richtig mache und ab morgen gewinnen werde, kam es mir gar nicht so vor, als würde ich lügen. Es war nur so: ich konnte das ja nicht erzählen, niemand würde es verstehen, aber wenn ich erst mal viel Geld gewonnen hätte, dann wären sie ja auch froh.
  • Natürlich gibt man nicht zu, in einer Spielhalle oder an einem Pokertisch gewesen zu sein. Man fängt an, heimlich zu spielen – und damit auch, heimlich zu leben.
  • Wenn man mal nicht spielen kann, wird man leicht aggressiv und ist ziemlich unruhig.
  • Man denkt andauernd ans Spielen, an bestimmte Spielsituationen, an bestimmte Automaten, an bestimmte Pokerblätter. Und mit andauernd meine ich andauernd: beim Aufwachen, beim Zähneputzen, Duschen, Brötchen schmieren, Frühstücken, Anziehen, zur Arbeit fahren…bis zum Einschlafen. Ich habe unentwegt an bestimmte Situationen am Pokertisch gedacht, an bestimmte Blätter – ich war so sehr gefangen von diesen Bildern, dass ich alles andere nur noch nebenbei gemacht habe.
  • Irgendwann realisiert man, dass man viel verloren hat. Dann sagt man sich, „ich muss wenigstens die Verluste wieder reinkriegen!“
  • Wenn man den Absprung vom Spielen nicht schafft, droht eine kriminelle Karriere. Denn zum Spielen braucht man Geld, viel Geld. Wo das Geld herkommt, ist egal, und wenn es durch Betrügereien ist oder durch andere sogenannte Beschaffungskriminalität.

Gelegentlich hat der Spielsüchtige auch helle Momente, in denen er erkennt, dass er vom Spielen nicht lassen kann. Er hat es schon ein paarmal versucht, aber es hat nicht funktioniert. Hilfe holen möchte er nicht, denn dazu schämt er sich zu sehr, darüber hinaus würde er dann auf die geliebte Spielsituation verzichten müssen. Dabei ist doch der Pokertisch der Ort, wo es ihm am besten geht. Oder die Spielhalle: die Leute dort mögen ihn, bringen ihm Cola, Pizza – alles kostenlos. Außerdem, wenn er jemanden davon erzählte, die könnten ihn ja als Charakterschwach einstufen, als Loser!

Dann will er unbedingt das Spiel austricksen: irgendwie muss es doch gelingen, diesen verdammten Geldspielautomat zu überlisten – oder die Pokertheorie so sehr zu büffeln, dass man mehr weiß als die anderen Spieler und mit diesem Wissen dann gewinnen kann.

Oft wartet ein Inkasso auf den Spielsuechtigen

Viele Spielsüchtige kennen dieses Wort ziemlich gut.

Es kommen dann merkwürdige Gedanken, die stark an Aberglauben erinnern: man glaubt, den Automaten „lesen“ zu können. Beim Roulette glaubt man, Serien zu erkennen („Jetzt ist 8-mal hintereinander Rot gekommen, jetzt muss Schwarz kommen!“). Das ist natürlich – der Leser ahnt es schon – völliger Quatsch: es könnte 2.382 Mal hintereinander Rot gekommen sein: die Wahrscheinlich für Schwarz oder Weiß wäre genauso groß wie immer.

Der Spielsüchtige hat einfach die Kontrolle über sein Spielverhalten verloren. Das kann ich relativ leicht verdeutlichen: Gewinne ich , spiele ich weiter, um noch mehr zu gewinnen. Verliere ich, spiele ich weiter, um überhaupt etwas zu gewinnen. Ich darf niemals aufhören, denn das würde ja bedeuten, ich könnte keinesfalls mehr die Verluste wieder zurückgewinnen oder mir würde zusätzlicher Gewinn entgehen.

Das gemeine am Spielen ist dabei, dass es ja gar nicht mehr ums Geld geht, sondern um den Kick! Das dopaminerge System im Körper hat sich durch das exzessive Spielen nämlich verändert. (Aber dazu in den nächsten Tagen mehr…)

Es ist einfach ein Teufelskreis, aus dem man alleine nicht herausfindet, es sei denn vielleicht, man ist Chuck Norris. Ich jedenfalls musste mir Hilfe holen. (Außerdem mag ich Chuck Norris nicht.)

Puh, das alles aufzuschreiben macht mich ganz schön fertig. Sucht ist so ätzend.

Und ab wann ist man nun spielsüchtig? Ich denke, ab dem Zeitpunkt, wo man nicht mehr aufhören kann. Und dieser Zeitpunkt ist bei jedem Spielsüchtigen verschieden. Es gibt also keine exakte Definition über den Zeitpunkt. Es gibt nur Anzeichen: Heimliches Spielen, Geld leihen, keine anderen Interessen mehr – sucht Euch was aus!

Ein kluger Mann hat mal gesagt „Der höchste Gewinn ist die Spielfreiheit! Mehr kann man nicht gewinnen.“

Du kannst auch den Selbsttest Glücksspielsucht machen. Ein paar Klicks (na ja, na gut: es sind 20 Klicks) und Du kannst Dich ungefähr einordnen.

Und noch etwas:

Mein Buch über meine Glücksspielsucht und meine stationäre Therapie ist jetzt (endlich) auch bei Amazon auf Lager.

Hier könnt Ihr es bestellen.

 

Daher gewinnbringend: Weitermachen!

PS: Der kluge Mann heißt übrigens Kai Sender und schreibt einen Blog über seine vermaledeite Sucht.

»Und siehe, es war alles gut!«

11. Juni 2012 nach Kai Sender | 5 Kommentare

Superhero Schwennen – von Batman und Robin möchte ich hier nichts hören, klar?

Ein Jahr lang habe ich darauf gewartet, nein, ich habe darauf hingearbeitet, als Ehemaliger das 37. Jahrestreffen im St. Marienstift Neuenkirchen / Vörden mitzuerleben. Als ich in meiner Therapie das Treffen als Patient mitgestaltete (in einer sehr verantwortlichen Position als Oberaufseher der „Schokokuss-Weitwurfmaschine“, in etwa vergleichbar mit dem HPP [Head of production-process] großer US-Unternehmen), hatte ich mir so fest vorgenommen, dass ich im kommenden Jahr auch hier sein würde, nach Ende einer hoffentlich erfolgreichen Therapie, trocken und spielfrei und wieder glücklich und – altmodisches aber wahres Wort – lebensfroh.

Und bei Gott: es ist wahr geworden!

Pater Udo und Pastor Möllmann

Es war mir damals zuerst ein wenig peinlich, ich hatte mich auch etwas geschämt. „Die kommen jetzt alle und haben’s schon geschafft und ich bin noch hier und die sehen bestimmt auf mich herab oder belächeln mich oder denken „Armer Kerl“ und ich bin ja auch noch nicht fertig und und und…“

Ich hatte mir in den letzten Monaten immer wieder vorgestellt, wie es wohl sein würde. Wäre ich aufgeregt, bewegt, würde ich weinen? Wie würde die Begegnung mit den Mitpatienten, Therapeuten sein? Würden Sie alle kommen und wir würden „in alten Zeiten“ schwelgen?

Um es vorweg zu sagen: das wichtigste an diesem Tag war für mich, dass Gisela mitkommt. Dass ich zusammen mit meiner Frau, die mich so unfassbar stark und liebevoll unterstützt hat, mir Mut machte, Kraft und Zuversicht verlieh, die alten Wege gehen würde, die Gebäude und vor allem die Menschen sehen könnte, die eine so wichtige Bedeutung in unserem Leben haben und behalten werden.

Der Mensch, den ich dort auf jeden Fall wiedersehen wollte, war selbstverständlich mein Therapeut Horst Schwennen. Der Mann war in meiner Therapie für mich ziemlich anstrengend. Und nervig. Mir gefiel zwar von Anfang an sein fast britischer Humor, aber er weigerte sich standhaft,  mir die Welt zu erklären und glasklare Regeln für jede erdenkbare Lebenssituation zu geben – das hatte ich mir von einer Therapie eigentlich erhofft. In der ersten Zeit meiner Therapie stand ich also ziemlich auf dem Schlauch. Hallo? Jemand zuhause? Was ist denn jetzt? Geht’s bald mal los?

Nach einigen Wochen merkte ich, dass Horst Schwennen mir viel mehr als das geben wollte: meine Autonomie – ich sollte selbst entscheiden. Damit fing ich dann auch an.

Aber ich schweife ab.

Scheckübergabe des Förderkreises an die Leitung der Klinik

Auf der Fahrt zum Marienstift war ich erstaunlicherweise sehr ruhig und nicht aufgeregt, das änderte sich ein wenig mit dem Eintreffen. Gerade am Marienstift angekommen, gingen Gisela und ich einmal um die Klinik, als ich auch schon Horst Schwennen traf. Ich habe die sehr herzliche Begrüßung und eine spezielle Geste genossen, und das anschließende längere Gespräch mit ihm hat mich bewegt und in mir eine sehr große Zufriedenheit ausgelöst, ein sattes Gefühl von „so muss es sein!“ Er gab mir auch eine wichtige Anregung für meine Zukunftsgestaltung. Typisch Schwennen, eben! Wir vereinbarten, uns später noch einmal zusammenzusetzen.

Friedrich kam dazu, der sanfte Riese, und er machte auf mich einen außerordentlich guten Eindruck. Mit ihm verbrachten Gisela und ich viel Zeit, wir gingen gemeinsam herum, erzählten uns viel und sagten uns immer wieder, wie froh wir seien, einander zu sehen. Die Chemie zwischen uns stimmt einfach. Und auch er empfindet eine große Dankbarkeit für die Zeit der Therapie in der Suchtklinik. Er macht einen wirklich guten Eindruck und ich werde mit ihm in Verbindung bleiben, sporadisch zwar, aber einander zugetan.

Mit ihm nahmen wir auch an der offiziellen Eröffnungsveranstaltung teil, die von Prof. Dr. Hinze-Selch geleitet wurde. Gleich zu Anfang entdeckte ich zu meiner großen Freude Pater Udo vom Priorat St. Benedikt in Damme und nach der Veranstaltung konnte ich ihn Gisela vorstellen. Mit Pater Udo ist das so eine Sache. Mein Glauben an Gott ist durch meine religiös geprägte Kindheit und Jugend quasi nicht vorhanden. (Man achte auf das Wort „quasi“ – das ist der Schlüssel zu so manchem in mir drinnen, was meinen Glauben betrifft) Und wenn man sich erst einmal für eine bestimmte Meinung entschieden hat, neigt man ja gerne dazu, nur noch Bestätigendes wahrzunehmen oder gelten zu lassen. Pater Udo macht es mir da sehr schwer, denn er ist ein wirklich phänomenal vorbildlicher Diener seines Gottes mit einer entwaffnenden Freundlichkeit und großen Menschenliebe. Er strahlt all‘ das Positive aus, was man ich von einem Kirchenmenschen erwarte und noch viel mehr. Wenn es mehr Gottesdiener seiner Art gäbe, wären die Kirchen heute noch gefüllt mit Schäfchen.  

Ich habe mich auch eingetragen. Der älteste Eintrag war, glaube ich, aus dem Jahr 1975,

Ich freute mich darüber, dass er regelmäßig meinen Suchtbericht liest und daher im Bilde darüber war, dass ich im November mit Gisela ein paar Tage in einem Kloster verbracht habe, denn er war einer der Auslöser dieser Aktion, die wir so ähnlich auch wiederholen werden.

Die Eröffnungsveranstaltung selbst hat mich etwas enttäuscht. Mir fehlten die Ansprache und das Willkommen heißen der ehemaligen Patienten. Sicherlich gab es auch andere Gäste wie die Vertreter des Förderkreises, in dem ich ja auch Mitglied bin, und darauf muss auch eingegangen werden, doch vermisste ich das Vermitteln eines Gemeinschaftsgefühles. Als ehemaliger Patient gehe ich ja auch zu diesem Treffen, um mich zu zeigen. „Guckt mal alle, ich habe es bis hierher geschafft und ich mache weiter!“

Es gab nur eine kurze Begrüßung, dann wurde das neue Leitungsteam der Klinik vorgestellt. Neben Frau Prof. Dr. Hinze-Selch ist jetzt auch Frau Dr. Isabel Englert leitende Ärztin. Und Ralf Nebe ist leitender Psychologe. Ich hatte ihn in meiner Indikationsgruppe Krankheitsakzeptanz. Anschließend hielten Pater Udo und Pastor Mölmann einen ökumenischen Gottesdienst und Dr. Englert einen Vortrag über eine neues Angebot der Klinik: die Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen und Suchterkrankung in dem Programm Trauma und Sucht.

Nach der Eröffnung spazierten Gisela, Friedrich und ich weiter umher. Zwischendurch begrüßten wir den einen oder anderen Ehemaligen, deren Namen mir zwar nicht immer geläufig waren, deren Gesichter ich aber noch einordnen konnte.

Merkwürdigerweise habe ich mich zurückgehalten. War ich zu aufgeregt?

Aus meiner Gruppe sieben waren nur noch zwei andere Mitpatienten da, David und Ingolf. Ihnen geht es gut, sagen sie. Leider waren die anderen Gruppenmitglieder nicht anwesend. Norbert hätte ich gerne gesehen, doch er hatte keine Zeit, weil er auf Montage war. Ab und an telefoniere ich noch mit ihm, er ist spielfrei, es fällt nicht immer leicht, aber er hält durch.

Wo waren all‘ die anderen? Wie geht es ihnen? Ich habe meine Befürchtungen und weiß auch von dem einen oder anderen, der seine Spielfreiheit nicht bewahren konnte. Das ist schade. Aber leider gehört das zu unserer Krankheit. Wir haben eben keinen einfachen Schnupfen, sondern eine existenzbedrohende Krankheit.

Ein weiteres Highlight an diesem Nachmittag war die Begegnung mit Martin Bietendorf, den ich hier jetzt nicht noch einmal für seine angenehme Sprache und sein insgesamt feines Auftreten bewundere. Das habe ich schon mehrmals getan. Seine Indikationsgruppe Selbstsicherheitstraining im sog. Medienraum damals habe ich in sehr guter Erinnerung und auch den Running Gag von damals: „Wohlsein!“ Mir gefiel – meine Güte ja, einmal sag‘ ich’s noch – seine Herzlichkeit und Klarheit im Umgang mit den Patienten. Er sprach mich an, als ich auf der Anwesenheitsliste nach Namen suchte und sagte mir, dass er regelmäßig den Suchtbericht lese. Er war im Bild über mich und meine Selbsthilfegruppe GGG. Mich hat gefreut, dass ich ihm Gisela vorstellen konnte, denn sie hatte schon viel von ihm gehört – und sie stimmt mir in meiner Meinung über ihn absolut zu.

Zuweilen ist es halt so, dass einem Menschen begegnen, die in ihrer souveränen Freundlichkeit und Anständigkeit – doofes Wort, aber ein besseres fällt mir gerade nicht ein – verblüffen und als Vorbild dienen können. (Wenn man es denn zulässt.)

Zu diesen zählt übrigens auch der Therapeut Norbert König, der mich damals beim Üben des aktiven Zuhörens in der Indikationsgruppe Kommunikationstrainig nachhaltig beeindruckt hat. Ich habe ihn zwar am Sonnabend gesehen, konnte ihn aber nicht sprechen, was ich bedauerlich finde.

Da ich die Besucher des Jahrestreffens nicht zeigen kann, hier etwas ebenso Schönes: Blumen

Walter Maronde, Co-Therapeut „meiner“ Gruppe sieben, war auch zugegen und zwar als Mitglied einer Band. :-) Als ich ihn umarmte (Ich habe an dem Tag so viele Menschen umarmt wie sonst in zwei Monaten nicht. Quatsch, in fünf Monaten.) meinte er, „wenn das jetzt jemand filmt!“  Leider kam auch hier das Gespräch zu kurz.

Als es Zeit wurde, wieder aufzubrechen, sprachen Gisela und ich noch kurz mit Superhero Horst Schwennen. Ein Foto wurde gemacht und dann saßen Gisela und ich im Auto auf dem Parkplatz und hielten noch eine Weile inne. Mir kamen die Tränen und ich ließ es zu. Dann fuhren wir langsam nach Hause und unterhielten uns während der ganzen Fahrt. Um diesem Tag die gebührende Ehre zu geben, gingen wir noch in ein Restaurant und abends sahen wir uns den Film „Elling“ an, der für mich eine bestimmte Bedeutung im Zusammenhang mit der Klinik hat. (Herzlichen Dank an einen netten Menschen!)

Die Eindrücke des Tages sind gewaltig. So groß die Vorfreude war, so groß ist die Nachfreude. Es hat mir gut getan, mich zu zeigen und andere zu sehen, Erinnerungen zu genießen und meine Dankbarkeit für die Zeit im Marienstift zu empfinden. Ich nahm eine große Menge an unterschiedlichen Gefühlen wahr („Darf’s noch ein Pfund mehr sein?“) und alle hatten ihre Berechtigung: Traurigkeit, Enttäuschung, Dankbarkeit, Freude, Stolz, Aufgeregtheit, Anerkennung.

Ich werde auch im kommenden Jahr das Jahrestreffen besuchen. Und dann werde ich die Gelegenheit wahrnehmen, auch mit denen zu reden, die ich dieses Mal nicht „erwischte“.

Und ich werde wieder bewegt sein.
Und ich werde wieder weinen.
Und ich werde immer noch spielfrei und trocken sein.
Denn so soll es sein.

Versprechend: Weitermachen!

 

Durchgangsgefühle, stete Tropfen und geheimes Chaos oder Tipps für Fortgeschrittene

7. März 2013 nach Kai Sender | Keine Kommentare

Damit ein Lehrgang kein Leergang wird, musst Du schon mitarbeiten. Das gilt auch in der Glüksspielsucht.

Damit ein Lehrgang kein Leergang wird, musst Du schon mitarbeiten. Das gilt auch in der Glüksspielsucht.

Ein herausragender Mensch macht gerade eine Weiterbildung im Trauerbereich. Er lernt dort einige Thesen kennen, die ich ohne große Veränderungen auf meine Gruppenarbeit übertragen kann.

Wir dürfen als Gruppenmitglieder keine Angst vor großen Gefühlen oder dem Gefühl von Leere und Depressivität haben – sondern müssen die Erfahrung machen, dass diese Gefühle zum Leben gehören und Durchgangsgefühle sind.

Es sind alle Emotionen erlaubt und wichtig: Auch Rückzug, Suizidalität, zorniges Anklagen, Schuldgefühle.

Um die eigene Selbstwahrnehmung zu fördern, gibt es einige Hilfsmittel. Man kann sich in einem Bild/Foto/Grafik spiegeln: Suche Dir ein Bild aus einer Kartei, das Deiner gegenwärtigen Stimmung am besten entspricht und stelle es der Gruppe vor.

In meiner Selbsthilfegruppe GGG – Gemeinsam gegen Glücksspielsucht e.V. starten wir zu Beginn und zum Ende jeweils eine „Befindlichkeitsrunde.“

  • Was belastet mich im Moment?
  • Welche Gedanken gehen in mir vor?
  • Welche Gefühle begleiten mich gerade?
  • Was spüre ich in meinem Körper?
  • Was würde ich jetzt am ehesten tun?
  • Finde ich einen Begriff für meine derzeitige Gefühlslage?

Meist ist es so, dass in der Eröffnungsrunde auf die Gefühle selten eingegangen wird. Der Weg zu den eigenen Emotionen ist oft weit und beschwerlich. Wer weiß das besser als ich? Ich sage daher in jeder Anfangsrunde der Gruppenstunde, wie ich mich fühle, um ein Beispiel zu geben.

Manchmal sagt ein Gruppenmitglied, dass alles okay ist und es sich gut fühlt. Im Laufe des Abends sprechen wir darüber und erfahren von einem völligen Chaos, von traurigen Zuständen – und erst dann wird dem Mitglied bewusst, in welcher Situation es sich eigentlich befindet.

Als ob erst dann die Tür zur Gefühlswelt, das Tor zur realen Situation geöffnet wird. Leider habe ich oft den Eindruck, dass unmittelbar nach der Gruppenstunde dieses Tor wieder geschlossen wird. Doch ich gebe nicht auf: Steter Tropfen höhlt den und so weiter …

Und wie geht es mir persönlich?

Gestern war ein sehr erfolgreicher Tag für mich, auf allen Ebenen, nicht nur beruflich. Ich habe eine große Dankbarkeit gefühlt und merkte irgendwann, dass ich „heulig“ bin, nah am Wasser gebaut. Das ist für mich sehr anstrengend.

Als meine Frau abends nach Hause kam und wir gesprochen haben, erzählte ich es ihr. Mir kamen die Tränen – und es war in Ordnung. Die Erde hat sich nicht aufgetan, es gab kein Erdbeben und ich bin nicht gestorben!

Ich war ehrlich und wahrhaftig – das ist der einzige Weg für mich als Süchtiger, abstinent zu bleiben!

Deshalb nur so: Weitermachen!

PS: Ich wünsche S. viel Erfolg in der stationären Therapie!