Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Alter, stress mich nich‘

31. Juli 2017 von Kai Sender | 2 Kommentare

Mit Gefühlen ist das nicht so einfach. Gar nicht einfach.
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Ich finde es stets aufs Neue interessant, dass viele Süchtige sich fragen, warum sie getrunken, gespielt (gesoffen, gezockt) oder welche Droge auch immer zugeführt (sonst was eingeschmissen) haben und dann Sätze sagen wie „Ich verstehe das nicht, ich bin doch nicht dumm.“ Sie kommen nicht einmal auf die Idee, dass ihre Sucht nichts mit ihrer Intelligenz  (Mutter Erde sei Dank!) zu tun hat.

Wenn es also nicht die Überlegung, das Denken, die (mangelnde) Intelligenz ist, die mich in die Sucht gebracht hat – was ist es dann?

Es ist (Ihr ahnt es schon, was der Sender mal wieder sagen will) die unbekannte Welt der Gefühle. [Ich nehme hier jetzt mal keine Rücksicht auf die anderen Bedingungen bei der Entstehung einer Sucht wie Umweltbedingungen, Kultur usw.] Diese Gefühle zu entdecken, ist für viele Menschen derart schwierig, dass sie erst mal so tun, als hätten sie gar keine. (Ich kenne da jemanden aus Bremen, dem ging es ähnlich. Hat er mir erzählt.) 

Nun hat es beim Vogel Strauß schon seltenst funktioniert, einfach den Kopf in den Sand zu stecken, wenn eine Auseinandersetzung droht. Da klappt es beim Menschen schon gar nicht.

Also bleibt nur, weiterhin die Bedeutung der Gefühle entweder nicht wahrzunehmen oder sie zu negieren. Das klingt komisch. Ist aber so. Ich habe das bis heute immer wieder erlebt: Manche Süchtige, die schon länger spielfrei, trocken, abstinent sind, trauen sich immer noch nicht, sich mal vorsichtig an dieses beängstigende Gefühlsreich heranzupirschen.

Es ist auch sehr schwer, sich dem zu stellen, weil man manchmal nicht weiß, was eigentlich gerade mit einem passiert, wenn man ein sehr intensives Gefühl wahrnimmt. Zuweilen ist dann sofort eine Überforderung da und sorgt für ein weiteres Gefühl, die Angst. Und dann klappt es schon gar nicht, damit ins Reine zu kommen.

Als ich das erste Mal hörte, dass jedes Gefühl seine Berechtigung hat, hielt ich das für Therapeutengeschwätz! „So ein Quatsch, jedes Gefühl darf sein? Und was ist mit Neid oder Hass? Ich darf doch nicht hassen. Das ist ein schlechter Charakterzug!“

Und lange habe ich nicht verstanden, welchen Sinn Gefühle überhaupt machen. Die sind irgendwie anstrengend. Die sind für mich nicht berechenbar. Ich möchte es überschaubar: Pro – Contra – Strich drunter: Ergebnis. Das ist einfach, mit diesem Vorgehen kann ich leben. 

Schon vor der Therapie im St. Marienstift habe ich aber gelernt, dass ich selbst ja doch eine Unmenge von Gefühlen bei mir akzeptierte. Das waren die „guten“ Gefühle, also die angenehmen. Es ist mir nie schwergefallen zu lachen, zu gönnen, Mitleid zu haben. Und all‘ die harten Typen, die nie Gefühle zeigen, weil sie ja so cool sind: lachen können die alle.

Von dieser Erkenntnis ausgehend, konnte ich mir die anderen „schlechten“ – die unangenehmen, mir teilweise peinlichen – Gefühle nach und nach anschauen und als ich dann auch endlich herausfand, welchen Sinn zum Teufel nochmal Gefühle haben, wurde ich mutiger. Um diesen Sinn herauszufinden, brauchte ich Hilfe. Therapeuten mussten mich da langsam hinführen.

Ich kann das hier nicht allgemeingültig erklären, dazu weiß ich zuwenig darüber. Aber ich weiß, was ein Gefühl für mich ist: eine Reaktion auf eine Situation, ich der ich mich befinde (oder befand oder befinden werde). Ein Gefühl hilft mir, dieses Situation besser zu verstehen oder eher: die Situation zu leben. Wenn ich lachen muss, dann weil die Situation zum lachen ist. Wenn ich traurig bin, dann weil die Situation eine traurige ist. Ärger sagt mir deutlich: Das will ich so jetzt nicht, dass passt mir überhaupt nicht in den Kram!

Das muss sich für einen gesunden Menschen derartig dämlich anhören! Das aufzuschreiben ist mir peinlich! Aber so ist nun mal meine Geschichte, und deshalb schreibe ich hier.

Ärger – ein Phänomen für mich. Ich habe mich seltenst geärgert, das durfte für mich nicht sein. Ärger rauszulassen war doch peinlich! Sowas machte man einfach nicht. Wo kämen wir denn hin, wenn alle… und so weiter und so fort. Von Wut gar nicht zu reden.

Dann hatte ich in der Suchtklinik in Neuenkirchen/Vörden eine Indikationsgruppe – Kommunikationstrainig bei Norbert König – in der ich erfuhr, dass Kommunikation, also die Verständigung zwischen Menschen (Oh Gott, meine Kurzdefinitionen werden Weltreiche erschüttern, Jammer!), zu sage und schreibe nur sieben Prozent verbal, also durch Sprache, und zu den restlichen 93 Prozent non-verbal funktioniert: durch Gestik, Mimik, Kleidung, Geruch und so weiter.

Da wurde mir klar, dass mehr Entscheidungen aus dem Gefühl heraus getroffen werden als aus reiner Überlegung. Das haute mich um.

Dieses Wissen erleichterte es mir, mich mehr mit meinen Gefühlen zu beschäftigen, ihnen mehr Rechte zuzugestehen und mich – tataaa! – sogar von ihnen leiten zu lassen.

Daher schäme ich mich heute meiner Gefühle nicht mehr. (Na ja, okay, vielleicht ein klein wenig…)

Und wenn ich heute vom letzten Sonnabend erzähle, vom Tag der Ehemaligen, dann sage ich auch, dass ich durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen bin, so sehr, dass ich abends vollkommen erschöpft war – und es hat mir gefallen!

Daher gefühlsduselig: Weitermachen!

PS: der Umsatz aller Spielhallen in Deutschland hat sich seit 2005 verdreifacht.

 

Von plietschen Leitern, Fernsehfieber, Buchrennern und einer guten Senatorin

30. Dezember 2015 von Kai Sender | Keine Kommentare

Wir sind zufrieden. Sieht man das?

Wir sind zufrieden. Sieht man das?

Was für ein merkwürdiges Jahr geht zu Ende, das fünfte Jahr meiner Spielfreiheit, das beste Jahr überhaupt: Außerordentlich erfolgreich war es, mit so vielen neuen Eindrücken, neuen Freunden und Bekannten, mit einem mördermässig schönen Luxusurlaub, wie Gisela und ich sie früher auch erleben konnten.

Nun, im fünften Jahr, war es für uns wieder möglich , uns drei Wochen Erholung in unserem Lieblingsurlaubsstrandland zu gönnen. Und wir haben jeden einzelnen Sonnen- und Regentag absolut und ganz und gar ausgekostet, wir waren von der ersten bis zur letzten Sekunde einfach nur glücklich, dankbar und ausgelassen. (An einem Sonnabend haben wir an einem Ostseestrand auf den Aufgang der Sonne gewartet und am selben Tag ihren Untergang über der Nordsee angeschaut. Also wenn das nicht romantisch ist.) „Das haben wir uns wieder verdient!“

Sonnenaufgang über der Ostsee in Sæby.

Sonnenaufgang über der Ostsee in Sæby.

Sonnenuntergang am selben Tag über der Nordsee in Tversted.

Sonnenuntergang am selben Tag über der Nordsee in Tversted.

Kurz vorher hatten wir unser Buch fertiggestellt und in den Handel gebracht. Das war sehr aufregend und mit großer Hoffnung verbunden. Kauft überhaupt irgendjemand das Ding? Es ist ja nun, seien wir ehrlich, nicht der romantische Liebesknüller oder der nervenaufreibende Agententhriller für einen spannenden Leseabend vor dem Kamin. Niemand erwirbt es zum Zeitvertreib. Wer den Suchtbericht kauft, der hat irgendwie mit Glücksspielsucht zu tun, entweder selbst als Zocker oder als Angehörige(r).

Das Verkaufsposter für unseren Suchtbericht.

Das Verkaufsposter für unseren Suchtbericht.

Am Ende des Jahres kann ich – und darüber bin ich immer noch so erstaunt wie beim ersten Buchverkauf – feststellen, dass unser Buch sich zu einem Renner entwickelt hat. Offensichtlich trifft es genau den Nerv, dass in unserem Suchtbericht aus der Sicht eines Betroffenen und einer Angehörige berichtet wird. Sogar in den USA wurde schon eines verkauft. Und zwar ein gebrauchtes Exemplar. Und auch auf eBay Australien hat ein Buchverkauf stattgefunden. Wie klein auf einmal die Welt ist. (Also jetzt mal ernst: Ich staune immer noch.)

Wundersame Dinge passieren: Den Klappentext meines Buches haben zwei Casinoseiten zum Anlocken für Süchtige genutzt. Sie haben die Suchmaschinen (Na, welche wohl?) mit einem Trick (einem simplem Javascript) getäuscht. Wer dann nach Hilfe für Glücksspielsüchtige gesucht hat oder nach mir (ist das dasselbe?), bekam das unendlich freundliche Angebot, doch bitteschön einzuzahlen und sein Geld mindestens zu verdoppeln.

Für alle Poker-Haie da draußen hat Casino Classic reichlich Pokerspiele im Angebot, um Sie für lange Zeit an den Bildschirm zu fesseln und verfügt zudem über hohe Jackpots. Wir bieten Video Poker Standardtitel wie z.B. Aces and Eights Video Poker, Bonus Deuces Wild Video Poker, Tens or Better Video Poker und Jacks of Better Video Poker. Zusätzlich gibt es Level Up Poker, Power Poker,
"Kommet her, all Ihr Süchtigen, wir wollen Euch auch das letzte Hemd nehmen!"

„Kommet her, all Ihr Süchtigen, wir wollen Euch auch das letzte Hemd nehmen!“

Diese Industrie besteht eben aus einer Bande von Schmocks. Leider sind die technisch ziemlich gut. Sie pfeifen auf Anstand, Gesetze und Moral und ziehen das Geld aus den Taschen der Süchtigen.

Es gab eineinhalb Tage lang Fernsehaufnahmen bei uns Zuhause und noch einmal im Marienstift. Das müsste mittlerweile das bekannteste Marienstift in Deutschland sein. Jetzt kennen es sogar… ich weiß nicht, wie viele, aber einige Hunderttausend Schweizer werden es wohl sein, die den Bericht von NZZ Format gesehen haben, in dem Gisela und ich zu sehen sind. Ich hatte das Marienstift als Drehort empfohlen, als mich die Redakteurin das erste Mal angerufen hatte, weil sie auf diesen Blog hier aufmerksam geworden war und noch am Anfang ihrer Recherchen stand. Irgendwann im kommenden Frühjahr wird die Dokumentation auf 3Sat ausgestrahlt. Öffentlicher kann ich mich kaum machen.

Für eine Dokumentation über Glücksspielsucht waren Sibylle Tiessen und Peter Hammann im Haus.

Für eine Dokumentation über Glücksspielsucht waren Sibylle Tiessen und Peter Hammann im Haus.

Interviews mit Zeitungen stehen schon im Terminkalender, gleich am ersten Sonntag des Jahres erscheint der erste Zeitungsartikel über den Suchtbericht. Einladungen zu Lesungen gibt es auch schon. So kann es weitergehen. Das Interesse der Medien ist groß.

Seit das Buch auf dem Markt ist, erhalte ich noch öfter Mails und Anrufe von Süchtigen als bisher, mehr noch von Angehörigen. Das ist in Ordnung so, auch wenn es gelegentlich nervt, weil es anstrengend ist.

Einer der Höhepunkte meines Suchtjahres war der Besuch der 27. Fachtagung des Fachverbandes Glücksspielsucht e.V. in Berlin im Dezember. So viele gute Vorträge (der sehr lebendige Vortrag von Dr. Tobias Hayer! http://www.tobha.de/ ) mit für mich teilweise neuen Erkenntnissen und neue Kontakte im Suchtbereich bundesweit. Ich hatte die Hoffnung mitgebracht, Kontakt zu anderen Selbsthilfegruppe zu finden. Jetzt stehe ich in Verbindung zu anderen sehr pfiffigen Selbsthilfegruppen und ihren Leitern. Das tut gut.

Ich erhielt auf der Tagung einen Stand für meinen Buchverkauf. Hatte ich vorher noch gedacht, dass ich vielleicht das eine oder andere Exemplar verkaufen würde, eventuell und mal sehen, ob das überhaupt klappt, nech? So bin ich am Ende der Tagung doch tatsächlich alle mitgebrachten Bücher losgeworden. Sagenhaft! Ich wurde behandelt wie eine Berühmtheit und konnte das erst einmal nicht glauben, ich ging wie auf Wolken!

27. Jahrestagung Wissenschaftliche Fachtagung des Fachverbandes Glücksspielsucht e.V.

27. Jahrestagung Wissenschaftliche Fachtagung des Fachverbandes Glücksspielsucht e.V.

Im Laufe des Jahres haben über 800 Menschen meinen Selbsttest Glücksspielsucht gemacht. (http://www.suchtbericht.de/2014/06/05/selbststest-gluecksspielsucht) Die Nachfrage nach diesem Test ist offenbar groß.

Am Anfang des Jahres musste ich leider auf die Beerdigung meines bewunderten Therapeuten Horst Schwennen. (http://www.suchtbericht.de/2011/12/16/kann-mir-jemand-den-zu-weihnachten-schenken) Ich hatte seit meiner Therapie einen guten Kontakt zu ihm. Er hat mir einige Male geholfen, als eine Art Supervisor. Ich behalte ihn in meinem Herzen.

Im Laufe des Jahres hat sich mein Eindruck bestätigt, dass fast alle Menschen um mich herum sich mit mir über meinen Erfolg freuen.

Ich habe im Plenum des Selbsthilferinges Bremen (http://www.netzwerk-selbsthilfe.com/selbsthilfering.html), in dessen Beirat ich sitze, zusammen mit Gisela unsere Selbsthilfegruppen für die Betroffenen und die Angehörigen vorgestellt. Im Dezember waren wir zu einem Senatsempfang ins Bremer Rathaus eingeladen, als Dankeschön für die ehrenamtliche Arbeit. Das hat meinem Ego sehr gut getan. (Also echt jetzt: „Ich bin zu einem Senatsempfang geladen“ – das schreibe ich zu gerne! )

Sie hat es nicht leicht angesichts leerer Kassen in Bremen und sie macht das Beste daraus: Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen der Freien Hansestadt Bremen.

Sie hat es nicht leicht angesichts leerer Kassen in Bremen und sie macht das Beste daraus: Anja Stahmann, Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen der Freien Hansestadt Bremen.

Ich bin den richtigen Weg gegangen, habe das Jahr bewusst und klar gestaltet und in die Hand genommen. Es warten für 2016 neue interessante Aufgaben und Begegnungen. Ich bin sehr dankbar dafür.

Gerührt und nicht geschüttelt: Weitermachen!

PS: Klarheit und Wahrheit im Umgang mit sich selbst und anderen sind die Grundpfeiler unseres Lebens. Wenn das nicht gelebt wird, geht es schief.

PPS: Einen Gruß nach Fellbach, Halle/Saale und Bielefeld. Und an die Leiter der SHGs dort.

PPPS: An die Schmocks und Ganoven von Casinoclassic – Wenn Ihr schon von meinem Texten profitiert, dann überweist das übliche Honorar dafür wenigstens an die Selbsthilfe.

Darf ich vorstellen: Mein Buch über meine Glücksspielsucht und Therapie

11. September 2015 von Kai Sender | 1 Kommentar

Hier ist es jetzt, unser Buch über meine Glücksspielsucht, meine Therapie und unseren gemeinsamen Umgang mit der Spielsucht.

Hier ist es jetzt, unser Buch über meine Glücksspielsucht, meine Therapie und unseren gemeinsamen Umgang mit der Spielsucht.

UNSER SUCHTBERICHT

Kai und Gisela Sender erzählen, wie sie die Krise bewältigt haben, in die sie Kais Glücksspielsucht gestürzt hat. Kai zeigt sein Tagebuch einer stationären Therapie und des ersten Jahres danach. Gisela berichtet aus ihrem Blickwinkel. Das alles wird entwaffnend ehrlich, aber auch mit viel Humor erzählt.

„Wir haben es geschafft und hoffen, mit diesem Bericht Betroffenen und Angehörigen Mut zu machen, den Weg aus der Sucht anzutreten. Es lohnt sich.“

Während Gisela und ich endlich wieder in unserem Lieblingsurlaubsland die Zeit genießen können, ist unser Buch in den Handel gekommen. Es ist ehrlich, heftig, bewegend, peinlich, wütend, traurig, trotzig – es ist die Wahrheit, so wie Gisela und ich sie erlebt haben und immer noch erleben.

Ihr könnt es hier bestellen:

bei Amazon

bei Bücher.de

bei Buch.de 

bei Thalia.de

bei Bod.de

oder mit der ISBN 9783738630879 im „realen“ Buchhandel. Es kostet 24,90 Euro und ist extrem preiswert.

Ich habe diesen Blog verschlankt – die Artikel sind jetzt im Buch zu finden. Und das nächste Buch ist schon in Arbeit.

Gespannt: Weitermachen!

PS: Es gibt so vielen Menschen Dankeschön zu sagen. Es gibt so viele wichtige Menschen in meinem Leben, die mir geholfen haben. Ich danke Euch!

 

 

 

Bipolare Störung und warum ich Pause mache

4. Februar 2014 von Kai Sender | 1 Kommentar

bipolare-stoerung

An manchen Tagen sieht die Welt so aus. Für Manche.
Foto: © XtravaganT – Fotolia.com

Ziemlich erschöpft war ich, sehr genervt auch – am letzten Freitag, als die Woche zu Ende ging: Offensichtlich hatte ich mich während der Woche zu sehr mit dem Thema Sucht beschäftigt. Das Thema ging mir zum Schluss sehr auf die Nerven.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass ich Schwierigkeiten hatte mit einem Anrufer. Er ist Spieler, allerdings spielfrei, und leidet. In dem Gespräch ging es nach einer ganzen Weile um bipolare Störungen. Er leidet offensichtlich darunter.

Wir Süchtigen müssen lernen, mit unserer Gefühlswelt umzugehen. Meine berühmten vier Schritte kommen da wieder hervor: Gefühle wahrnehmen, Gefühle annehmen, über Gefühle reden und dann auch Gefühle zeigen.

Nun ist es ja bei jedem Menschen so, dass er gute Tage hat und auch schlechte Tage. Also Tage mit angenehmen Gefühlen und Tage mit unangenehmen. Meistens kann man sich das auch erklären. Die Gefühle schwanken halt wegen der unterschiedlichen Situationen, in denen man sich befindet.

Bei einer bipolaren Störung ist das anders. Menschen mit einer solchen Störung fallen von einem Extrem ins andere – und das ohne nachvollziehbare Gründe. Die bipolare Störung wird auch als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet. Wer an dieser Krankheit leidet, hat ein zwanzigfach erhöhtes Selbstmordrisiko. Ein halbwegs geregeltes Leben ist da kaum möglich.

Nicht alle Menschen, die unter einer bipolaren Störung leiden, wissen das auch. Sie merken zwar, dass ihr Leben nicht „normal“ ist, aber nicht alle gehen deswegen auch zum Arzt oder zu einem Psychologen. Dabei könnte ihnen dort sehr geholfen werden, denn rechtzeitig diagnostiziert, kann eine abgestimmte Behandlung den Krankheitsverlauf erleichtern.

Auf der Seite neue-wege-psychiatrie.de findet sich eine interaktive Grafik, die ganz hilfreich ist. Du kannst da von Erklärung zu Erklärung klicken. Das gefällt mir. Ich selber wusste erst nicht, was eigentlich unter Manie zu verstehen ist.

Mögliche Zeichen einer manischen Episode sind z.B.

  • Gesteigertes Selbstwertgefühl oder Größenideen
  • Vermindertes Schlafbedürfnis
  • Rededrang
  • Ideenflucht oder Gedankenrasen
  • Aktivitätssteigerung
  • Gehobene Stimmung
  • Gereiztheit
  • Unbändiger Optimismus
  • Eingeschränktes Urteilsvermögen
  • Psychotische Symptome (z.B. Wahnvorstellungen)

Dagegen stehen die Symptome einer Depression:

  • Depressive, ängstliche Stimmung
  • Aktivitätsverminderung
  • Selbstmordgedanken
  • Schlafstörung
  • Reizbarkeit
  • Selbstabwertung, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle
  • Konzentrationsprobleme
  • Interessenverlust, Lustlosigkeit
  • Energieverlust, Kraftverlust, Antriebslosigkeit
  • Psychotische Symptome (z.B. Wahnvorstellungen)

In der Arbeit in einer Selbsthilfegruppe oder generell mit Süchtigen kommt es schon mal vor, dass ich auf solche Anzeichen treffe. Vor allem das „Heute so – Morgen so“ macht mir dabei Angst. Nun, ich bin kein Therapeut und in solchen Situationen überfordert. Aber das kann ich dann auch sagen. Den Mut habe ich.

Ich helfe, so gut ich kann. Manchmal, wie in der letzten Woche, mache ich vielleicht zuviel, so dass ich am Ende richtig erschöpft bin, seelisch. Dann weiß ich: Jetzt ist erst mal ein Cut angesagt.

Kai macht Pause.

Dazu muss ich mich dann auch etwas überreden, aber das klappt. Deshalb habe ich mich am Wochenende sehr zurückgehalten. Und bis auf diesen Artikel und den Gruppenabend am Donnerstag lasse ich die Sucht erst mal Sucht sein. Und die Süchtigen haben mich in dieser Woche nicht als Ansprechpartner.

Diese Auszeit nehme ich mir.

Aber dann geht es auch weiter.

Mit den Hufen scharrend: Weitermachen!

Eine Powerfrau, ein Zitterschluck und der Endzustand eines Säufers

15. November 2013 von Kai Sender | Keine Kommentare

trockengeburtstag

Ein Geschenk lag heute auf dem Frühstückstisch, als ich morgens vom Brötchenholen wieder ins Haus trat. Es war eines von meiner Frau zum Trockengeburtstag. Meine Frau hatte Atmosphäre geschaffen: Kerzen brannten, es war wunderschön gedeckt, die Stimmung war wunderbar!

Neunzehn Jahre ist es her. Seitdem bin ich trocken. Seitdem ist auch meine Frau trocken. Aus Rücksichtnahme auf mich trinkt auch sie keinen Alkohol.

Mein Trockengeburtstag ist auch ihr Trockengeburtstag.

In den ersten Tagen/Wochen/Monaten meiner Trockenheit habe ich nicht einen Moment stolz sein können. Dem Alkohol zu widerstehen war schwer, doch konnte ich diese Leistung nicht würdigen. Gisela hat das für mich übernommen. Permanent machte sie mir klar, wie gut das war, was ich tat. Sie lobte mich beständig, baute mich auf. Dabei hat sie in der Zeit sowieso für Zwei handeln, denken und entscheiden müssen.

Gisela hat sich damals über Alkoholismus schlau gemacht: Bücher gelesen, Experten befragt, Gruppen besucht. Weil sie mir helfen wollte. Eine ihrer Maximen lautet „Wissen hilft!“ Daher war sie nie co-abhängig.

In den neunzehn Jahren habe ich für mich gelernt, mit meinem Alkoholismus offensiv umzugehen. Ich bin ein stolzer trockener Alkoholiker geworden. Dazu habe ich lange gebraucht. Nur neunzehn Jahre. Aber was soll’s – jetzt ist es so.

Heute nerve ich sehr wahrscheinlich viele Mitmenschen damit, dass ich gerne über das Thema Sucht rede, über meine Selbsthilfegruppe. Ich brauche das für mich. Heute bin ich aktiv. Als Säufer war ich passiv. Jeder Säufer ist passiv.

Ich habe vor einiger Zeit ein Jahr lang Nachtbereitschaft in einem Heim für ehemals Obdachlose übernommen. Alles alte Männer, die meisten trinken. Sie dürfen dort trinken, in „sozial verträglichem Rahmen.“ Darunter sind etliche kluge, sehr sympathische Männer. Sie haben den Absprung vom Alkohol in ihrem Leben nie geschafft. Mancher hat über 140 stationäre Entgiftungen hinter sich. Aber der persönliche Tiefpunkt, der nötig ist um aufzuhören mit der Droge, wurde nicht erreicht.

Jetzt sitzen sie dort, erhalten Taschengeld, haben wenigstens ein eigenes Zimmer. Ab und zu wird gesoffen. Und das war’s dann. Besuch kommt selten, eigentlich gar nicht, denn sie haben ihre Familien zerstört, ihre Ehen zerbrochen, Freunde verlassen. Weil der Ruf des Alkohols stärker war als alles andere in ihrem Leben.

Ich habe berührende Momente in diesem Heim erlebt. Situationen, die ans Herz gingen. Dazu kamen Ärger, Aggression, dummes Gelaber, hoffnungslose Unterhaltungen.

Einer der Gründe, dort aufzuhören, war der sogenannte „Zitterschluck“ – bevor ein Säufer zusammenklappt oder einen Krampf kriegt, weil er einige Zeit seinem Körper keinen Alkohol zuführen konnte (weil natürlich kein Geld mehr übrig war für weiteren Stoff), kriegt er in diesem Heim manchmal einen Zitterschluck. Ich finde das unverantwortlich und mich hat es auch genervt, dass ich einmal einen Zitterschluck geben musste.

Nun ja, das ist Vergangenheit. Die Zeit dort war wertvoll für mich. Den Endzustand eines Säufers zu erleben, ist anstrengend, macht traurig und wütend – tat mir als trockenem Alkoholiker aber auch gut.

Ich schäme mich nicht mehr. Ich bin stolz auf mich.

Ich bin dankbar für Giselas Hilfe. Sie ist eine Powerfrau.

Aufgewühlt und sehr gerührt: Weitermachen!

PS: Vielen Dank für die zahlreichen Glückwünsche!