Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Bipolare Störung und warum ich Pause mache

4. Februar 2014 nach Kai Sender | 1 Kommentar

bipolare-stoerung

An manchen Tagen sieht die Welt so aus. Für Manche.
Foto: © XtravaganT – Fotolia.com

Ziemlich erschöpft war ich, sehr genervt auch – am letzten Freitag, als die Woche zu Ende ging: Offensichtlich hatte ich mich während der Woche zu sehr mit dem Thema Sucht beschäftigt. Das Thema ging mir zum Schluss sehr auf die Nerven.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass ich Schwierigkeiten hatte mit einem Anrufer. Er ist Spieler, allerdings spielfrei, und leidet. In dem Gespräch ging es nach einer ganzen Weile um bipolare Störungen. Er leidet offensichtlich darunter.

Wir Süchtigen müssen lernen, mit unserer Gefühlswelt umzugehen. Meine berühmten vier Schritte kommen da wieder hervor: Gefühle wahrnehmen, Gefühle annehmen, über Gefühle reden und dann auch Gefühle zeigen.

Nun ist es ja bei jedem Menschen so, dass er gute Tage hat und auch schlechte Tage. Also Tage mit angenehmen Gefühlen und Tage mit unangenehmen. Meistens kann man sich das auch erklären. Die Gefühle schwanken halt wegen der unterschiedlichen Situationen, in denen man sich befindet.

Bei einer bipolaren Störung ist das anders. Menschen mit einer solchen Störung fallen von einem Extrem ins andere – und das ohne nachvollziehbare Gründe. Die bipolare Störung wird auch als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet. Wer an dieser Krankheit leidet, hat ein zwanzigfach erhöhtes Selbstmordrisiko. Ein halbwegs geregeltes Leben ist da kaum möglich.

Nicht alle Menschen, die unter einer bipolaren Störung leiden, wissen das auch. Sie merken zwar, dass ihr Leben nicht „normal“ ist, aber nicht alle gehen deswegen auch zum Arzt oder zu einem Psychologen. Dabei könnte ihnen dort sehr geholfen werden, denn rechtzeitig diagnostiziert, kann eine abgestimmte Behandlung den Krankheitsverlauf erleichtern.

Auf der Seite neue-wege-psychiatrie.de findet sich eine interaktive Grafik, die ganz hilfreich ist. Du kannst da von Erklärung zu Erklärung klicken. Das gefällt mir. Ich selber wusste erst nicht, was eigentlich unter Manie zu verstehen ist.

Mögliche Zeichen einer manischen Episode sind z.B.

  • Gesteigertes Selbstwertgefühl oder Größenideen
  • Vermindertes Schlafbedürfnis
  • Rededrang
  • Ideenflucht oder Gedankenrasen
  • Aktivitätssteigerung
  • Gehobene Stimmung
  • Gereiztheit
  • Unbändiger Optimismus
  • Eingeschränktes Urteilsvermögen
  • Psychotische Symptome (z.B. Wahnvorstellungen)

Dagegen stehen die Symptome einer Depression:

  • Depressive, ängstliche Stimmung
  • Aktivitätsverminderung
  • Selbstmordgedanken
  • Schlafstörung
  • Reizbarkeit
  • Selbstabwertung, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle
  • Konzentrationsprobleme
  • Interessenverlust, Lustlosigkeit
  • Energieverlust, Kraftverlust, Antriebslosigkeit
  • Psychotische Symptome (z.B. Wahnvorstellungen)

In der Arbeit in einer Selbsthilfegruppe oder generell mit Süchtigen kommt es schon mal vor, dass ich auf solche Anzeichen treffe. Vor allem das „Heute so – Morgen so“ macht mir dabei Angst. Nun, ich bin kein Therapeut und in solchen Situationen überfordert. Aber das kann ich dann auch sagen. Den Mut habe ich.

Ich helfe, so gut ich kann. Manchmal, wie in der letzten Woche, mache ich vielleicht zuviel, so dass ich am Ende richtig erschöpft bin, seelisch. Dann weiß ich: Jetzt ist erst mal ein Cut angesagt.

Kai macht Pause.

Dazu muss ich mich dann auch etwas überreden, aber das klappt. Deshalb habe ich mich am Wochenende sehr zurückgehalten. Und bis auf diesen Artikel und den Gruppenabend am Donnerstag lasse ich die Sucht erst mal Sucht sein. Und die Süchtigen haben mich in dieser Woche nicht als Ansprechpartner.

Diese Auszeit nehme ich mir.

Aber dann geht es auch weiter.

Mit den Hufen scharrend: Weitermachen!

»Und siehe, es war alles gut!«

11. Juni 2012 nach Kai Sender | 5 Kommentare

Superhero Schwennen – von Batman und Robin möchte ich hier nichts hören, klar?

Ein Jahr lang habe ich darauf gewartet, nein, ich habe darauf hingearbeitet, als Ehemaliger das 37. Jahrestreffen im St. Marienstift Neuenkirchen / Vörden mitzuerleben. Als ich in meiner Therapie das Treffen als Patient mitgestaltete (in einer sehr verantwortlichen Position als Oberaufseher der „Schokokuss-Weitwurfmaschine“, in etwa vergleichbar mit dem HPP [Head of production-process] großer US-Unternehmen), hatte ich mir so fest vorgenommen, dass ich im kommenden Jahr auch hier sein würde, nach Ende einer hoffentlich erfolgreichen Therapie, trocken und spielfrei und wieder glücklich und – altmodisches aber wahres Wort – lebensfroh.

Und bei Gott: es ist wahr geworden!

Pater Udo und Pastor Möllmann

Es war mir damals zuerst ein wenig peinlich, ich hatte mich auch etwas geschämt. „Die kommen jetzt alle und haben’s schon geschafft und ich bin noch hier und die sehen bestimmt auf mich herab oder belächeln mich oder denken „Armer Kerl“ und ich bin ja auch noch nicht fertig und und und…“

Ich hatte mir in den letzten Monaten immer wieder vorgestellt, wie es wohl sein würde. Wäre ich aufgeregt, bewegt, würde ich weinen? Wie würde die Begegnung mit den Mitpatienten, Therapeuten sein? Würden Sie alle kommen und wir würden „in alten Zeiten“ schwelgen?

Um es vorweg zu sagen: das wichtigste an diesem Tag war für mich, dass Gisela mitkommt. Dass ich zusammen mit meiner Frau, die mich so unfassbar stark und liebevoll unterstützt hat, mir Mut machte, Kraft und Zuversicht verlieh, die alten Wege gehen würde, die Gebäude und vor allem die Menschen sehen könnte, die eine so wichtige Bedeutung in unserem Leben haben und behalten werden.

Der Mensch, den ich dort auf jeden Fall wiedersehen wollte, war selbstverständlich mein Therapeut Horst Schwennen. Der Mann war in meiner Therapie für mich ziemlich anstrengend. Und nervig. Mir gefiel zwar von Anfang an sein fast britischer Humor, aber er weigerte sich standhaft,  mir die Welt zu erklären und glasklare Regeln für jede erdenkbare Lebenssituation zu geben – das hatte ich mir von einer Therapie eigentlich erhofft. In der ersten Zeit meiner Therapie stand ich also ziemlich auf dem Schlauch. Hallo? Jemand zuhause? Was ist denn jetzt? Geht’s bald mal los?

Nach einigen Wochen merkte ich, dass Horst Schwennen mir viel mehr als das geben wollte: meine Autonomie – ich sollte selbst entscheiden. Damit fing ich dann auch an.

Aber ich schweife ab.

Scheckübergabe des Förderkreises an die Leitung der Klinik

Auf der Fahrt zum Marienstift war ich erstaunlicherweise sehr ruhig und nicht aufgeregt, das änderte sich ein wenig mit dem Eintreffen. Gerade am Marienstift angekommen, gingen Gisela und ich einmal um die Klinik, als ich auch schon Horst Schwennen traf. Ich habe die sehr herzliche Begrüßung und eine spezielle Geste genossen, und das anschließende längere Gespräch mit ihm hat mich bewegt und in mir eine sehr große Zufriedenheit ausgelöst, ein sattes Gefühl von „so muss es sein!“ Er gab mir auch eine wichtige Anregung für meine Zukunftsgestaltung. Typisch Schwennen, eben! Wir vereinbarten, uns später noch einmal zusammenzusetzen.

Friedrich kam dazu, der sanfte Riese, und er machte auf mich einen außerordentlich guten Eindruck. Mit ihm verbrachten Gisela und ich viel Zeit, wir gingen gemeinsam herum, erzählten uns viel und sagten uns immer wieder, wie froh wir seien, einander zu sehen. Die Chemie zwischen uns stimmt einfach. Und auch er empfindet eine große Dankbarkeit für die Zeit der Therapie in der Suchtklinik. Er macht einen wirklich guten Eindruck und ich werde mit ihm in Verbindung bleiben, sporadisch zwar, aber einander zugetan.

Mit ihm nahmen wir auch an der offiziellen Eröffnungsveranstaltung teil, die von Prof. Dr. Hinze-Selch geleitet wurde. Gleich zu Anfang entdeckte ich zu meiner großen Freude Pater Udo vom Priorat St. Benedikt in Damme und nach der Veranstaltung konnte ich ihn Gisela vorstellen. Mit Pater Udo ist das so eine Sache. Mein Glauben an Gott ist durch meine religiös geprägte Kindheit und Jugend quasi nicht vorhanden. (Man achte auf das Wort „quasi“ – das ist der Schlüssel zu so manchem in mir drinnen, was meinen Glauben betrifft) Und wenn man sich erst einmal für eine bestimmte Meinung entschieden hat, neigt man ja gerne dazu, nur noch Bestätigendes wahrzunehmen oder gelten zu lassen. Pater Udo macht es mir da sehr schwer, denn er ist ein wirklich phänomenal vorbildlicher Diener seines Gottes mit einer entwaffnenden Freundlichkeit und großen Menschenliebe. Er strahlt all‘ das Positive aus, was man ich von einem Kirchenmenschen erwarte und noch viel mehr. Wenn es mehr Gottesdiener seiner Art gäbe, wären die Kirchen heute noch gefüllt mit Schäfchen.  

Ich habe mich auch eingetragen. Der älteste Eintrag war, glaube ich, aus dem Jahr 1975,

Ich freute mich darüber, dass er regelmäßig meinen Suchtbericht liest und daher im Bilde darüber war, dass ich im November mit Gisela ein paar Tage in einem Kloster verbracht habe, denn er war einer der Auslöser dieser Aktion, die wir so ähnlich auch wiederholen werden.

Die Eröffnungsveranstaltung selbst hat mich etwas enttäuscht. Mir fehlten die Ansprache und das Willkommen heißen der ehemaligen Patienten. Sicherlich gab es auch andere Gäste wie die Vertreter des Förderkreises, in dem ich ja auch Mitglied bin, und darauf muss auch eingegangen werden, doch vermisste ich das Vermitteln eines Gemeinschaftsgefühles. Als ehemaliger Patient gehe ich ja auch zu diesem Treffen, um mich zu zeigen. „Guckt mal alle, ich habe es bis hierher geschafft und ich mache weiter!“

Es gab nur eine kurze Begrüßung, dann wurde das neue Leitungsteam der Klinik vorgestellt. Neben Frau Prof. Dr. Hinze-Selch ist jetzt auch Frau Dr. Isabel Englert leitende Ärztin. Und Ralf Nebe ist leitender Psychologe. Ich hatte ihn in meiner Indikationsgruppe Krankheitsakzeptanz. Anschließend hielten Pater Udo und Pastor Mölmann einen ökumenischen Gottesdienst und Dr. Englert einen Vortrag über eine neues Angebot der Klinik: die Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen und Suchterkrankung in dem Programm Trauma und Sucht.

Nach der Eröffnung spazierten Gisela, Friedrich und ich weiter umher. Zwischendurch begrüßten wir den einen oder anderen Ehemaligen, deren Namen mir zwar nicht immer geläufig waren, deren Gesichter ich aber noch einordnen konnte.

Merkwürdigerweise habe ich mich zurückgehalten. War ich zu aufgeregt?

Aus meiner Gruppe sieben waren nur noch zwei andere Mitpatienten da, David und Ingolf. Ihnen geht es gut, sagen sie. Leider waren die anderen Gruppenmitglieder nicht anwesend. Norbert hätte ich gerne gesehen, doch er hatte keine Zeit, weil er auf Montage war. Ab und an telefoniere ich noch mit ihm, er ist spielfrei, es fällt nicht immer leicht, aber er hält durch.

Wo waren all‘ die anderen? Wie geht es ihnen? Ich habe meine Befürchtungen und weiß auch von dem einen oder anderen, der seine Spielfreiheit nicht bewahren konnte. Das ist schade. Aber leider gehört das zu unserer Krankheit. Wir haben eben keinen einfachen Schnupfen, sondern eine existenzbedrohende Krankheit.

Ein weiteres Highlight an diesem Nachmittag war die Begegnung mit Martin Bietendorf, den ich hier jetzt nicht noch einmal für seine angenehme Sprache und sein insgesamt feines Auftreten bewundere. Das habe ich schon mehrmals getan. Seine Indikationsgruppe Selbstsicherheitstraining im sog. Medienraum damals habe ich in sehr guter Erinnerung und auch den Running Gag von damals: „Wohlsein!“ Mir gefiel – meine Güte ja, einmal sag‘ ich’s noch – seine Herzlichkeit und Klarheit im Umgang mit den Patienten. Er sprach mich an, als ich auf der Anwesenheitsliste nach Namen suchte und sagte mir, dass er regelmäßig den Suchtbericht lese. Er war im Bild über mich und meine Selbsthilfegruppe GGG. Mich hat gefreut, dass ich ihm Gisela vorstellen konnte, denn sie hatte schon viel von ihm gehört – und sie stimmt mir in meiner Meinung über ihn absolut zu.

Zuweilen ist es halt so, dass einem Menschen begegnen, die in ihrer souveränen Freundlichkeit und Anständigkeit – doofes Wort, aber ein besseres fällt mir gerade nicht ein – verblüffen und als Vorbild dienen können. (Wenn man es denn zulässt.)

Zu diesen zählt übrigens auch der Therapeut Norbert König, der mich damals beim Üben des aktiven Zuhörens in der Indikationsgruppe Kommunikationstrainig nachhaltig beeindruckt hat. Ich habe ihn zwar am Sonnabend gesehen, konnte ihn aber nicht sprechen, was ich bedauerlich finde.

Da ich die Besucher des Jahrestreffens nicht zeigen kann, hier etwas ebenso Schönes: Blumen

Walter Maronde, Co-Therapeut „meiner“ Gruppe sieben, war auch zugegen und zwar als Mitglied einer Band. :-) Als ich ihn umarmte (Ich habe an dem Tag so viele Menschen umarmt wie sonst in zwei Monaten nicht. Quatsch, in fünf Monaten.) meinte er, „wenn das jetzt jemand filmt!“  Leider kam auch hier das Gespräch zu kurz.

Als es Zeit wurde, wieder aufzubrechen, sprachen Gisela und ich noch kurz mit Superhero Horst Schwennen. Ein Foto wurde gemacht und dann saßen Gisela und ich im Auto auf dem Parkplatz und hielten noch eine Weile inne. Mir kamen die Tränen und ich ließ es zu. Dann fuhren wir langsam nach Hause und unterhielten uns während der ganzen Fahrt. Um diesem Tag die gebührende Ehre zu geben, gingen wir noch in ein Restaurant und abends sahen wir uns den Film „Elling“ an, der für mich eine bestimmte Bedeutung im Zusammenhang mit der Klinik hat. (Herzlichen Dank an einen netten Menschen!)

Die Eindrücke des Tages sind gewaltig. So groß die Vorfreude war, so groß ist die Nachfreude. Es hat mir gut getan, mich zu zeigen und andere zu sehen, Erinnerungen zu genießen und meine Dankbarkeit für die Zeit im Marienstift zu empfinden. Ich nahm eine große Menge an unterschiedlichen Gefühlen wahr („Darf’s noch ein Pfund mehr sein?“) und alle hatten ihre Berechtigung: Traurigkeit, Enttäuschung, Dankbarkeit, Freude, Stolz, Aufgeregtheit, Anerkennung.

Ich werde auch im kommenden Jahr das Jahrestreffen besuchen. Und dann werde ich die Gelegenheit wahrnehmen, auch mit denen zu reden, die ich dieses Mal nicht „erwischte“.

Und ich werde wieder bewegt sein.
Und ich werde wieder weinen.
Und ich werde immer noch spielfrei und trocken sein.
Denn so soll es sein.

Versprechend: Weitermachen!

 

Trockengeburtstag im Weinkloster oder „Ich geh‘ mal eben nach Bethlehem!“

23. November 2011 nach Kai Sender | 1 Kommentar

Die Abtei St. Hildegard im Nebel. Wir hatten fast nur Nebel :-)

Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich vorletzte Woche, als ich mit einem Kollegen die Selbsthilfegruppe vorbereitete, auf der P2: Wir hatten nach dem Aufschließen, Kaffeekochen und Hinlegen der Kekse (merke: die wichtigsten Aufgaben beim Gruppenleiten!) noch etwas Zeit und unterhielten uns im Vorraum, als ich ein bekanntes Gesicht wiedersah: die Krankenschwester nämlich, die auf der P1 regelmässig Gruppenstunden abhält, um über die Folgen des Alkoholmissbrauchs aufzuklären. (Hier stands schon mal).

Sie sah mich auch, lächelte, schloss die Verbindungstür auf und nahm mich in den Arm, fragte mich, wie es mir ginge. Ich meine, ich hätte in der Zwischenzeit eine Langzeittherapie gemacht und sie sagte, das wisse sie doch. Wir haben dann noch kurz miteinander gesprochen und: das war ein tolles Erlebnis. Ich habe mich ziemlich gut gefühlt, weil sie sich offensichtlich gefreut hatte, mich zu sehen und auch wußte, was ich nach meiner Entlassung aus der P1 (wird hier nochmal erwähnt) gemacht hatte. Sehr schön!

In der letzten Woche fuhren Gisela und ich in ein Kloster.

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