Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Alter, stress mich nich‘

31. Juli 2017 von Kai Sender | 2 Kommentare

Mit Gefühlen ist das nicht so einfach. Gar nicht einfach.
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Ich finde es stets aufs Neue interessant, dass viele Süchtige sich fragen, warum sie getrunken, gespielt (gesoffen, gezockt) oder welche Droge auch immer zugeführt (sonst was eingeschmissen) haben und dann Sätze sagen wie „Ich verstehe das nicht, ich bin doch nicht dumm.“ Sie kommen nicht einmal auf die Idee, dass ihre Sucht nichts mit ihrer Intelligenz  (Mutter Erde sei Dank!) zu tun hat.

Wenn es also nicht die Überlegung, das Denken, die (mangelnde) Intelligenz ist, die mich in die Sucht gebracht hat – was ist es dann?

Es ist (Ihr ahnt es schon, was der Sender mal wieder sagen will) die unbekannte Welt der Gefühle. [Ich nehme hier jetzt mal keine Rücksicht auf die anderen Bedingungen bei der Entstehung einer Sucht wie Umweltbedingungen, Kultur usw.] Diese Gefühle zu entdecken, ist für viele Menschen derart schwierig, dass sie erst mal so tun, als hätten sie gar keine. (Ich kenne da jemanden aus Bremen, dem ging es ähnlich. Hat er mir erzählt.) 

Nun hat es beim Vogel Strauß schon seltenst funktioniert, einfach den Kopf in den Sand zu stecken, wenn eine Auseinandersetzung droht. Da klappt es beim Menschen schon gar nicht.

Also bleibt nur, weiterhin die Bedeutung der Gefühle entweder nicht wahrzunehmen oder sie zu negieren. Das klingt komisch. Ist aber so. Ich habe das bis heute immer wieder erlebt: Manche Süchtige, die schon länger spielfrei, trocken, abstinent sind, trauen sich immer noch nicht, sich mal vorsichtig an dieses beängstigende Gefühlsreich heranzupirschen.

Es ist auch sehr schwer, sich dem zu stellen, weil man manchmal nicht weiß, was eigentlich gerade mit einem passiert, wenn man ein sehr intensives Gefühl wahrnimmt. Zuweilen ist dann sofort eine Überforderung da und sorgt für ein weiteres Gefühl, die Angst. Und dann klappt es schon gar nicht, damit ins Reine zu kommen.

Als ich das erste Mal hörte, dass jedes Gefühl seine Berechtigung hat, hielt ich das für Therapeutengeschwätz! „So ein Quatsch, jedes Gefühl darf sein? Und was ist mit Neid oder Hass? Ich darf doch nicht hassen. Das ist ein schlechter Charakterzug!“

Und lange habe ich nicht verstanden, welchen Sinn Gefühle überhaupt machen. Die sind irgendwie anstrengend. Die sind für mich nicht berechenbar. Ich möchte es überschaubar: Pro – Contra – Strich drunter: Ergebnis. Das ist einfach, mit diesem Vorgehen kann ich leben. 

Schon vor der Therapie im St. Marienstift habe ich aber gelernt, dass ich selbst ja doch eine Unmenge von Gefühlen bei mir akzeptierte. Das waren die „guten“ Gefühle, also die angenehmen. Es ist mir nie schwergefallen zu lachen, zu gönnen, Mitleid zu haben. Und all‘ die harten Typen, die nie Gefühle zeigen, weil sie ja so cool sind: lachen können die alle.

Von dieser Erkenntnis ausgehend, konnte ich mir die anderen „schlechten“ – die unangenehmen, mir teilweise peinlichen – Gefühle nach und nach anschauen und als ich dann auch endlich herausfand, welchen Sinn zum Teufel nochmal Gefühle haben, wurde ich mutiger. Um diesen Sinn herauszufinden, brauchte ich Hilfe. Therapeuten mussten mich da langsam hinführen.

Ich kann das hier nicht allgemeingültig erklären, dazu weiß ich zuwenig darüber. Aber ich weiß, was ein Gefühl für mich ist: eine Reaktion auf eine Situation, ich der ich mich befinde (oder befand oder befinden werde). Ein Gefühl hilft mir, dieses Situation besser zu verstehen oder eher: die Situation zu leben. Wenn ich lachen muss, dann weil die Situation zum lachen ist. Wenn ich traurig bin, dann weil die Situation eine traurige ist. Ärger sagt mir deutlich: Das will ich so jetzt nicht, dass passt mir überhaupt nicht in den Kram!

Das muss sich für einen gesunden Menschen derartig dämlich anhören! Das aufzuschreiben ist mir peinlich! Aber so ist nun mal meine Geschichte, und deshalb schreibe ich hier.

Ärger – ein Phänomen für mich. Ich habe mich seltenst geärgert, das durfte für mich nicht sein. Ärger rauszulassen war doch peinlich! Sowas machte man einfach nicht. Wo kämen wir denn hin, wenn alle… und so weiter und so fort. Von Wut gar nicht zu reden.

Dann hatte ich in der Suchtklinik in Neuenkirchen/Vörden eine Indikationsgruppe – Kommunikationstrainig bei Norbert König – in der ich erfuhr, dass Kommunikation, also die Verständigung zwischen Menschen (Oh Gott, meine Kurzdefinitionen werden Weltreiche erschüttern, Jammer!), zu sage und schreibe nur sieben Prozent verbal, also durch Sprache, und zu den restlichen 93 Prozent non-verbal funktioniert: durch Gestik, Mimik, Kleidung, Geruch und so weiter.

Da wurde mir klar, dass mehr Entscheidungen aus dem Gefühl heraus getroffen werden als aus reiner Überlegung. Das haute mich um.

Dieses Wissen erleichterte es mir, mich mehr mit meinen Gefühlen zu beschäftigen, ihnen mehr Rechte zuzugestehen und mich – tataaa! – sogar von ihnen leiten zu lassen.

Daher schäme ich mich heute meiner Gefühle nicht mehr. (Na ja, okay, vielleicht ein klein wenig…)

Und wenn ich heute vom letzten Sonnabend erzähle, vom Tag der Ehemaligen, dann sage ich auch, dass ich durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen bin, so sehr, dass ich abends vollkommen erschöpft war – und es hat mir gefallen!

Daher gefühlsduselig: Weitermachen!

PS: der Umsatz aller Spielhallen in Deutschland hat sich seit 2005 verdreifacht.

 

Die Feigheit vor dem Leben oder „Ich bin süchtig, aber das soll niemand wissen!“

8. November 2014 von Kai Sender | 2 Kommentare

 

In dieser Bibliothek links stehen die Bücher meiner Lügen aus der aktiven Suchtzeit. Und auf der rechten Seite. Und in der Mitte. Beide Etagen.

In dieser Bibliothek links stehen die Bücher meiner Lügen aus der aktiven Suchtzeit. Und auf der rechten Seite. Und in der Mitte. Beide Etagen.

Herrgott, Leute, überwindet doch endlich Eure Angst! Wer als Süchtiger zu Anfang einer Beziehung – zu einer Frau, einem Mann, den Nachbarn, den Arbeitskollegen oder der örtlichen „Rettet-die-Vögel“-Initiative – die Wahrheit sagt, braucht auch hinterher nicht zu lügen. Wer gleich zu Beginn die Dinge klarstellt, wer nach der Devise „Klar und Wahr“ lebt, erspart sich den typischen Lügnerstress : Wer weiß wie viel von meiner Krankheit, wem habe ich was gesagt, bei wem muss ich vorsichtig sein? Habe ich mich vielleicht schon verraten? Was mache ich, wenn sie es doch rauskriegen und mich dann fragen?

Ich habe schon so oft gesagt bekommen, dass ich zu offensiv mit meiner Sucht(geschichte) an die Öffentlichkeit ginge, es nicht jeder wissen müsste, ich es nicht jedem vor die Stirn knallen sollte, dass ich ein Suchti sei – aber immer nur von anderen Süchtigen, nie – nicht einmal – von Gesunden.

Ich habe genug gelogen während meiner aktiven Sucht-Zeit. Die Menge meiner Lügen füllt ein Drittel des Googleindexes und wird in den Annalen der Geschichte ihren prominenten Platz finden. Ich bin ein Lehrer, Meister, Magister im Lügen. Das Vorspielen falscher Tatsachen, das erfolgreiche Verschweigen der Wahrheit und Zurechttrimmen der Realität ist ein Sport, in dem ich locker den 8. Dan erreicht habe. Und es gibt nur neun.

Das ist jetzt seit einigen Jahren vorbei. Ich hatte dazu keine Lust mehr. Ich bin impotent im Lügen geworden. Ich kann es nicht mehr. Es ist mir zu anstrengend. Es verletzt, betrübt, hintergeht die Menschen um mich herum – und mich selbst! Es ist eine Missachtung der Menschlichkeit.

Deshalb braucht man mich nur anzupieken, wenn es um das Thema Sucht geht, und ich rede jeden in Grund und Boden. Ich bin so angefüllt mit meiner Geschichte, meinem Wissen über Sucht, dass es heraus muss. Ich habe das schon öfter erlebt, dass die Menschen überrascht waren. Und einige von ihnen lächelten dann und zollten mir Respekt für meine Leidenschaft, wenn es um das Thema Sucht geht.

Respekt – das ist es, was ich erfahre, wenn ich über mich und meine Sucht rede. Niemand hält mich – das ist ja die große Angst von uns Süchtigen – für einen Charakterlosen, für einen Schwächling. Und selbst, wenn sie es täten? Pfeif‘ drauf!

Die Sucht ist ein Teil von mir. Ich habe mir diesen Teil nicht ausgesucht. Auf der Liste „Was Kai an sich mag, Teil 1 bis 44“ ist er nicht aufgeführt. Aber auch sie macht mich aus – die Sucht. Deshalb gibt es Kai nur mit ihr. Und deshalb halte ich damit auch nicht hinter dem Berg.

Damit habe ich bisher nur gute, nein sehr gute, Erfahrungen gemacht.

Und ich kann jedem Süchtigen nur empfehlen, es ebenso zu halten. Es entspannt.

Deshalb traut Euch: Weitermachen!

PS: Ein ganz spezieller Dank geht an Zekiye, Paulo, Banu, Sabine, Claudio, Cey und Hamudi für Ihre Akzeptanz – das ehemalige Team der Meeresbrise!

PPS: Der heutige Gruß geht nach Quorn in Australien, an das nette Paar!

PPPS: Lieber Anrufer aus Berlin: Ich kann leider keine Spielhallen schließen. :-)

Ja doch, meine Freiheit!

29. November 2013 von Kai Sender | Keine Kommentare

Meine Spielfreiheit wird verteidigt. Aber sicher! Foto: © Igor Yaruta - Fotolia.com

Meine Spielfreiheit wird verteidigt. Aber sicher!
Foto: © Igor Yaruta – Fotolia.com

 

Ja doch, ich lebe noch. Ich habe nur wenig Zeit – oder eher: Ich bin zu faul gewesen, in den letzten zwei Wochen meinen Suchtbericht abzugeben, denn die Firma, in der ich jetzt beschäftigt bin, steht kurz davor, ihr Onlineportal zu starten. Das bedeutet Stress.

Abends bin ich daher sehr müde, aber auch sehr befriedigt.

Ich genieße diese Normalität: Gisela und ich sitzen abends zusammen beim Abendbrot, wir berichten uns vom Tag und das sehr intensiv. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich tagsüber leiste und weiß, warum ich das genießen kann, warum ich überhaupt ein normales Leben führen kann, ein reiches Leben: Weil ich spielfrei bin.

Das ist die Grundlage für alles. Spielfreiheit bedeutet in erster Linie Freiheit.

Dass ich diese Freiheit heute habe, ist zu einem großen Teil der Verdienst meiner Frau, die zu mir gestanden hat. Ihr sagte neulich jemand, sie sei aber auch sowas von loyal, das sei ja selten.

Stimmt!

Durch ihre Hilfe, durch die Perspektive auf ein glückliches gemeinsames Leben mit ihr, habe ich den Mut gehabt, mich der Sucht zu stellen. Habe ich die Kraft dafür gehabt, eine Therapie anzutreten.

Meine Spielfreiheit ist mein wertvollstes Gut, meine Ehefrau ist mein wertvollster Mensch.

So einfach ist das.

Daher simpel: Weitermachen!

PS: Ich habe einen Freund. Dem geht es nicht gut. Deshalb geht mir auch nicht so gut. Ich denke oft an ihn. Ich hoffe für ihn. Alles Liebe und Gute!

PPS: Grüße an Sabine und Helgo, die treuen Seelen

PPPS: Hallo Toni, meine Liebe! Halt‘ Dich tapfer!

 

 

Ab wann ist man spielsüchtig?

28. Dezember 2011 von Kai Sender | 55 Kommentare

Die Frage „Ist mein Freund Mann Partner spielssüchtig?“ wurde mir in der letzten Zeit oft gestellt. Oder auch „Ab wann ist man eigentlich spielsüchtig?“ Eigentlich ist es relativ einfach, das zu beantworten.

So weit hergeholt ist das nicht: ich kenne einige Spielsüchtige, die Raubüberfälle begangen haben.

Man braucht dafür nur den gesunden Menschenverstand. Und muss rücksichtslos gegen seine Gefühle sein, wenn man den eventuell spielsüchtigen Partner einstufen möchte. Und das genaue Hinsehen auf die Situation und den Partner ist nötig. Also nicht die Augen verschließen und sich einreden, es ist nur eine Phase, das wird schon wieder, so schlimm ist es ja nicht…

Also: Spielsucht wird auch als pathologisches Spielen bezeichnet. Hört sich schlimm an. Ist es auch, es bedeutet nämlich krankhaftes Spielen. Gemeint ist, dass der Betroffene den Wunsch hat zu spielen, unabhängig von allen schrecklichen Folgen für seine Ehe, seine Familie, seinen Beruf, seine soziale Einbindung, seine Finanzen, seine…eben alles.

Von der Weltgesundheitsorganisation wird ein Verschlüsselungssystem der Medizin herausgegeben, es nennt sich ICD.  Die Ärzte in Deutschland und die Kliniken müssen entsprechend dieses Systems die gestellten Diagnosen verschlüsseln.

Und da steht nun folgendes über Spielsucht:

Pathologisches Spielen

Die Störung besteht in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt.

Wenn das nicht ausreicht, hier mal etwas anschaulicher formuliert, und zwar von einem der führenden Spielsuchtexperten, nämlich von mir…leider.

Irgendwann fängt man an mit dem Glücksspiel: in der Kneipe, in einem Imbiß am Automaten, im Internet auf den Pokerseiten…egal. Das ist in Ordnung, wenn es dabei bleibt.

Aber jetzt könnte folgendes auftreten: man spielt

  • immer häufiger
  • immer länger
  • mit immer höheren Einsätzen
  • Man verliert die Kontrolle über die Höhe des Einsatzes und spielt
  • mit allem zur Verfügung stehenden Geld: der Gehaltseingang am Monatsanfang wird komplett fürs Spielen abgehoben. Es werden Schulden gemacht. Wie man die Miete bezahlen soll, ist erst mal egal. Bis dahin gewinnt man ja wieder. Glaubt man.
  • Man versucht durch Spielen an mehreren Automaten gleichzeitig, an mehreren Pokertischen gleichzeitig, die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen zu erhöhen.

Jetzt kommen wir zum Ändern des Verhaltens: jetzt kommt nämlich das Lügen. Ich kann ein Lied davon singen.

  • Es wird gelogen auf Teufel komm raus, die Ehefrau wird angelogen, ebenso Freunde, Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen. Und sich selbst belügt man auch. Ich habe mich über zwei Jahre lang angelogen – und es hat geklappt. Mir war nämlich immer klar, dass ich morgen gewinnen werde. Ich war so sehr davon überzeugt, dass ich schon (Oh mein Gott, jetzt wird’s aber wirklich peinlich) Excel-Listen angelegt habe, in denen ich meinen Gewinn verteilte. Und weil ich mir so sicher war, dass ich alles richtig mache und ab morgen gewinnen werde, kam es mir gar nicht so vor, als würde ich lügen. Es war nur so: ich konnte das ja nicht erzählen, niemand würde es verstehen, aber wenn ich erst mal viel Geld gewonnen hätte, dann wären sie ja auch froh.
  • Natürlich gibt man nicht zu, in einer Spielhalle oder an einem Pokertisch gewesen zu sein. Man fängt an, heimlich zu spielen – und damit auch, heimlich zu leben.
  • Wenn man mal nicht spielen kann, wird man leicht aggressiv und ist ziemlich unruhig.
  • Man denkt andauernd ans Spielen, an bestimmte Spielsituationen, an bestimmte Automaten, an bestimmte Pokerblätter. Und mit andauernd meine ich andauernd: beim Aufwachen, beim Zähneputzen, Duschen, Brötchen schmieren, Frühstücken, Anziehen, zur Arbeit fahren…bis zum Einschlafen. Ich habe unentwegt an bestimmte Situationen am Pokertisch gedacht, an bestimmte Blätter – ich war so sehr gefangen von diesen Bildern, dass ich alles andere nur noch nebenbei gemacht habe.
  • Irgendwann realisiert man, dass man viel verloren hat. Dann sagt man sich, „ich muss wenigstens die Verluste wieder reinkriegen!“
  • Wenn man den Absprung vom Spielen nicht schafft, droht eine kriminelle Karriere. Denn zum Spielen braucht man Geld, viel Geld. Wo das Geld herkommt, ist egal, und wenn es durch Betrügereien ist oder durch andere sogenannte Beschaffungskriminalität.

Gelegentlich hat der Spielsüchtige auch helle Momente, in denen er erkennt, dass er vom Spielen nicht lassen kann. Er hat es schon ein paarmal versucht, aber es hat nicht funktioniert. Hilfe holen möchte er nicht, denn dazu schämt er sich zu sehr, darüber hinaus würde er dann auf die geliebte Spielsituation verzichten müssen. Dabei ist doch der Pokertisch der Ort, wo es ihm am besten geht. Oder die Spielhalle: die Leute dort mögen ihn, bringen ihm Cola, Pizza – alles kostenlos. Außerdem, wenn er jemanden davon erzählte, die könnten ihn ja als Charakterschwach einstufen, als Loser!

Dann will er unbedingt das Spiel austricksen: irgendwie muss es doch gelingen, diesen verdammten Geldspielautomat zu überlisten – oder die Pokertheorie so sehr zu büffeln, dass man mehr weiß als die anderen Spieler und mit diesem Wissen dann gewinnen kann.

Oft wartet ein Inkasso auf den Spielsuechtigen

Viele Spielsüchtige kennen dieses Wort ziemlich gut.

Es kommen dann merkwürdige Gedanken, die stark an Aberglauben erinnern: man glaubt, den Automaten „lesen“ zu können. Beim Roulette glaubt man, Serien zu erkennen („Jetzt ist 8-mal hintereinander Rot gekommen, jetzt muss Schwarz kommen!“). Das ist natürlich – der Leser ahnt es schon – völliger Quatsch: es könnte 2.382 Mal hintereinander Rot gekommen sein: die Wahrscheinlich für Schwarz oder Weiß wäre genauso groß wie immer.

Der Spielsüchtige hat einfach die Kontrolle über sein Spielverhalten verloren. Das kann ich relativ leicht verdeutlichen: Gewinne ich , spiele ich weiter, um noch mehr zu gewinnen. Verliere ich, spiele ich weiter, um überhaupt etwas zu gewinnen. Ich darf niemals aufhören, denn das würde ja bedeuten, ich könnte keinesfalls mehr die Verluste wieder zurückgewinnen oder mir würde zusätzlicher Gewinn entgehen.

Das gemeine am Spielen ist dabei, dass es ja gar nicht mehr ums Geld geht, sondern um den Kick! Das dopaminerge System im Körper hat sich durch das exzessive Spielen nämlich verändert. (Aber dazu in den nächsten Tagen mehr…)

Es ist einfach ein Teufelskreis, aus dem man alleine nicht herausfindet, es sei denn vielleicht, man ist Chuck Norris. Ich jedenfalls musste mir Hilfe holen. (Außerdem mag ich Chuck Norris nicht.)

Puh, das alles aufzuschreiben macht mich ganz schön fertig. Sucht ist so ätzend.

Und ab wann ist man nun spielsüchtig? Ich denke, ab dem Zeitpunkt, wo man nicht mehr aufhören kann. Und dieser Zeitpunkt ist bei jedem Spielsüchtigen verschieden. Es gibt also keine exakte Definition über den Zeitpunkt. Es gibt nur Anzeichen: Heimliches Spielen, Geld leihen, keine anderen Interessen mehr – sucht Euch was aus!

Ein kluger Mann hat mal gesagt „Der höchste Gewinn ist die Spielfreiheit! Mehr kann man nicht gewinnen.“

Du kannst auch den Selbsttest Glücksspielsucht machen. Ein paar Klicks (na ja, na gut: es sind 20 Klicks) und Du kannst Dich ungefähr einordnen.

Und noch etwas:

Mein Buch über meine Glücksspielsucht und meine stationäre Therapie ist jetzt (endlich) auch bei Amazon auf Lager.

Hier könnt Ihr es bestellen.

 

Daher gewinnbringend: Weitermachen!

PS: Der kluge Mann heißt übrigens Kai Sender und schreibt einen Blog über seine vermaledeite Sucht.