Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Eine Powerfrau, ein Zitterschluck und der Endzustand eines Säufers

15. November 2013 nach Kai Sender | Keine Kommentare

trockengeburtstag

Ein Geschenk lag heute auf dem Frühstückstisch, als ich morgens vom Brötchenholen wieder ins Haus trat. Es war eines von meiner Frau zum Trockengeburtstag. Meine Frau hatte Atmosphäre geschaffen: Kerzen brannten, es war wunderschön gedeckt, die Stimmung war wunderbar!

Neunzehn Jahre ist es her. Seitdem bin ich trocken. Seitdem ist auch meine Frau trocken. Aus Rücksichtnahme auf mich trinkt auch sie keinen Alkohol.

Mein Trockengeburtstag ist auch ihr Trockengeburtstag.

In den ersten Tagen/Wochen/Monaten meiner Trockenheit habe ich nicht einen Moment stolz sein können. Dem Alkohol zu widerstehen war schwer, doch konnte ich diese Leistung nicht würdigen. Gisela hat das für mich übernommen. Permanent machte sie mir klar, wie gut das war, was ich tat. Sie lobte mich beständig, baute mich auf. Dabei hat sie in der Zeit sowieso für Zwei handeln, denken und entscheiden müssen.

Gisela hat sich damals über Alkoholismus schlau gemacht: Bücher gelesen, Experten befragt, Gruppen besucht. Weil sie mir helfen wollte. Eine ihrer Maximen lautet „Wissen hilft!“ Daher war sie nie co-abhängig.

In den neunzehn Jahren habe ich für mich gelernt, mit meinem Alkoholismus offensiv umzugehen. Ich bin ein stolzer trockener Alkoholiker geworden. Dazu habe ich lange gebraucht. Nur neunzehn Jahre. Aber was soll’s – jetzt ist es so.

Heute nerve ich sehr wahrscheinlich viele Mitmenschen damit, dass ich gerne über das Thema Sucht rede, über meine Selbsthilfegruppe. Ich brauche das für mich. Heute bin ich aktiv. Als Säufer war ich passiv. Jeder Säufer ist passiv.

Ich habe vor einiger Zeit ein Jahr lang Nachtbereitschaft in einem Heim für ehemals Obdachlose übernommen. Alles alte Männer, die meisten trinken. Sie dürfen dort trinken, in „sozial verträglichem Rahmen.“ Darunter sind etliche kluge, sehr sympathische Männer. Sie haben den Absprung vom Alkohol in ihrem Leben nie geschafft. Mancher hat über 140 stationäre Entgiftungen hinter sich. Aber der persönliche Tiefpunkt, der nötig ist um aufzuhören mit der Droge, wurde nicht erreicht.

Jetzt sitzen sie dort, erhalten Taschengeld, haben wenigstens ein eigenes Zimmer. Ab und zu wird gesoffen. Und das war’s dann. Besuch kommt selten, eigentlich gar nicht, denn sie haben ihre Familien zerstört, ihre Ehen zerbrochen, Freunde verlassen. Weil der Ruf des Alkohols stärker war als alles andere in ihrem Leben.

Ich habe berührende Momente in diesem Heim erlebt. Situationen, die ans Herz gingen. Dazu kamen Ärger, Aggression, dummes Gelaber, hoffnungslose Unterhaltungen.

Einer der Gründe, dort aufzuhören, war der sogenannte „Zitterschluck“ – bevor ein Säufer zusammenklappt oder einen Krampf kriegt, weil er einige Zeit seinem Körper keinen Alkohol zuführen konnte (weil natürlich kein Geld mehr übrig war für weiteren Stoff), kriegt er in diesem Heim manchmal einen Zitterschluck. Ich finde das unverantwortlich und mich hat es auch genervt, dass ich einmal einen Zitterschluck geben musste.

Nun ja, das ist Vergangenheit. Die Zeit dort war wertvoll für mich. Den Endzustand eines Säufers zu erleben, ist anstrengend, macht traurig und wütend – tat mir als trockenem Alkoholiker aber auch gut.

Ich schäme mich nicht mehr. Ich bin stolz auf mich.

Ich bin dankbar für Giselas Hilfe. Sie ist eine Powerfrau.

Aufgewühlt und sehr gerührt: Weitermachen!

PS: Vielen Dank für die zahlreichen Glückwünsche!

Trockengeburtstag im Weinkloster oder „Ich geh‘ mal eben nach Bethlehem!“

23. November 2011 nach Kai Sender | 1 Kommentar

Die Abtei St. Hildegard im Nebel. Wir hatten fast nur Nebel :-)

Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich vorletzte Woche, als ich mit einem Kollegen die Selbsthilfegruppe vorbereitete, auf der P2: Wir hatten nach dem Aufschließen, Kaffeekochen und Hinlegen der Kekse (merke: die wichtigsten Aufgaben beim Gruppenleiten!) noch etwas Zeit und unterhielten uns im Vorraum, als ich ein bekanntes Gesicht wiedersah: die Krankenschwester nämlich, die auf der P1 regelmässig Gruppenstunden abhält, um über die Folgen des Alkoholmissbrauchs aufzuklären. (Hier stands schon mal).

Sie sah mich auch, lächelte, schloss die Verbindungstür auf und nahm mich in den Arm, fragte mich, wie es mir ginge. Ich meine, ich hätte in der Zwischenzeit eine Langzeittherapie gemacht und sie sagte, das wisse sie doch. Wir haben dann noch kurz miteinander gesprochen und: das war ein tolles Erlebnis. Ich habe mich ziemlich gut gefühlt, weil sie sich offensichtlich gefreut hatte, mich zu sehen und auch wußte, was ich nach meiner Entlassung aus der P1 (wird hier nochmal erwähnt) gemacht hatte. Sehr schön!

In der letzten Woche fuhren Gisela und ich in ein Kloster.

Weiterlesen →