Glücksspielsucht, Spielsucht, Therapie - mein persönlicher Blog über meine Glücksspielsucht und meinen Umgang mit ihr. Über meine stationäre Therapie, die Hilfe meiner Frau, meine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht und mein neues Leben!

Von neuem anfangen, diesmal aber ehrlich

Dies ist der zweite Teil von Davids Erzählung über sein Leben.
(Foto © Stephen VanHorn/Fotolia)

Wie alt warst Du da und wie ging es dann weiter?

Da war ich dreißig Jahre alt. Sie hat sich dann von mir getrennt, weil sie dahinterkam, dass doch nicht alles so war, wie ich es erzählt hatte. Da bin ich dann immer auf der Suche gewesen nach der perfekten Familie. Ich habe schon darauf hingearbeitet, weil ich ja immer gedacht habe, dass ich einer Frau etwas bieten muss, dass ich das auch finanzieren kann.

Das war immer Dein Credo – ich muss einer Frau oder Familie etwas bieten?

Ja, weil Frauen ja auch irgendwie Sicherheit haben wollen, und wenn man einen Haufen Schulden hat und das nicht geregelt ist, gibt es für sie ja auch keine Sicherheit. Und die Sicherheit wollte ich der Frau ja immer bieten. Wie gesagt, immer zu schnell zu viel. Und dadurch habe ich sie dann auch immer erdrückt, weil ich nicht abwarten konnte. Ich wollte die Beziehung oder die Familie dann immer auch sicher haben. Ich habe mich halt auch nach Sicherheit gesehnt.

Und ich wollte halt dabei sein, drin sein in der Familie und nicht bloß nebenher laufen. Was ich auch viel gemacht habe: wenn es Schwierigkeiten gegeben hat, bin ich immer davon gelaufen, sofort umgezogen, neue Stadt, neue Menschen, einfach ein Neuanfang.

Das hast Du damals nicht bemerkt?

Nein, ich hab’s nicht bemerkt. Wenn es denn raus kam, was wirklich los war mit mir, habe ich gedacht, ich muss die Ortschaft wechseln. Weil es gibt ja immer jemanden, der jemanden kennt und so weiter und dann kommt wieder alles raus. Ich habe mal eine Freundin gehabt, die hat gesagt, eigentlich sei ich ein netter Kerl, wenn ich nicht dauernd diese Geldschwierigkeiten hätte.

Ab wann hast Du das so gesehen, wie Du es mir jetzt gerade erzählst?

Das habe ich erst hier so gesehen, hier hat man mir die Augen geöffnet. Hier hat man mich heruntergeholt von meinem hohen Ross – nein, stimmt nicht: ich bin selbst abgestiegen von meinem hohen Ross. Hier habe ich auch begriffen, dass es Menschen gibt, die weit schlechter dran sind als ich. Und was ich auch gelernt habe, ist dass es nicht immer perfekt sein muss, das Leben oder die Umstände.

Teilweise habe ich gedacht, mir kann keiner was anhaben, und auf der anderen Seite habe ich gedacht, dass ich ein schlechter Mensch bin und deshalb niemand mit mir zusammen sein will.

David wollte stets beeindrucken
Foto: 246-You/flickr

Wenn man mein Leben verfilmen müsste, dann wäre der Film eigentlich Catch Me If You Can – mein Leben auf der Flucht – so habe ich gelebt: immer anderen etwas „besseres“ vormachen, um Anerkennung zu bekommen. Ich habe das ja auch teilweise so hingekriegt wie die Filmfigur. Ich habe z.B. von Montags bis Freitags einen Porsche Carrera gefahren, obwohl der mir gar nicht gehörte. Aus solchen Sachen folgten dann natürlich drei Betrugsanzeigen, weil ich mir unter anderem Geld erschlichen habe, nur um weitermachen zu können.

Und trotz aller Anstrengungen warst Du nie zufrieden?

Nein, ich fand nie mein Glück. Und beim Spielen war das so, dass ich versucht habe, meine mittlerweile hohen Schulden wieder reinzuholen. Ich wollte die Schulden weghaben und dann von Null auf wieder anfangen zu leben und dachte, dass schaffe ich durchs Spielen. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich nicht nur mit Geld gespielt habe, sondern auch mit Menschen. Und darin war ich ein Meister, sonst hätte ich das nie so hingekriegt. Ich konnte das so drehen, dass das, was ich haben wollte, mir dann von anderen auch angeboten wurde, so dass ich gar nicht erst fragen musste. So gut konnte ich reden.

Das ging lange so, selbst als ich hier war, habe ich noch mit Menschen gespielt und in der ersten Zeit hier hatte ich sogar mehrere Freundinnen gleichzeitig.

Nun habe ich das alte Verhalten abgelegt. Vor sechs Wochen habe ich damit angefangen. Zum ersten Mal habe ich allen die Wahrheit erzählt. Und merkwürdigerweise sagen zwei von den Frauen, dass sie mich weiterhin als Kumpel behalten wollen, nicht in einer festen Beziehung aber als Freund.

Wie geht es weiter?

Seit gestern bin ich wieder alleine. Und werde es auch eine Zeitlang bleiben. Das ist mein Entschluss, weil ich mir jetzt selber erst mal ein Nest bauen will, weil ich das bisher nie gemacht habe. Immer nur von Frau zu Frau oder ich habe in einer Pension gewohnt. Mit 17 hatte ich meine erste Wohnung, die hielt drei Jahre und die nächste Wohnung habe ich jetzt erst sei Januar. Dazwischen habe ich immer bei anderen gewohnt.

Ich habe schon mal darüber nachgedacht, das war kurz, nachdem ich hierher gekommen bin, da hätte ich am liebsten alle Frauen, die ich jemals betrogen habe, eingeladen und mich bei ihnen entschuldigt. Einen dicken Schlussstrich gezogen. Und von neuem anfangen, diesmal aber ehrlich.

Auf der einen Seite fühle ich mich heute ganz gut, gestärkt und so, aber auf der anderen Seite, was ist, wenn es denn nicht richtig läuft Meine größte Sorge ist, dass es im Job nicht mehr so klappt, weil ich jetzt ja fünf Monate nicht da war, und dass es da auch personelle Änderungen gibt und ich irgendwie andere Aufgaben übernehmen muss.

Deshalb werde ich auch heute noch meinen Chef anrufen und darüber reden.

Mir haben nicht nur die Therapeuten hier geholfen, sondern auch die Mitpatienten. Dafür bin ich dankbar. Und beim nächsten Ehemaligentreffen werden wir uns hier wiedersehen. Ich empfehle allen anderen, die ähnliche Probleme haben wie ich, auch ein solche Therapie zu machen.

Den ersten Teil verpasst?

3 Kommentare

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  3. mein mann ist auch Spielsüchtig (Sportwetten) und es tut mir echt in der seele weh wenn ich das lese. Er geht in 4 wochen in therapie in die klinik kraichtal. Er hat alles in mir kaput gemacht aber wir haben 2 töchter und er soll auch die allerletzte möglichkeit haben nicht für uns sondern für sich selbst.
    Die kinder haben sowieso nicht viel von ihm weil entweder arbeitet er, schläft oder ist genervt. Ich möchte 100% alles mögliche getan haben um später nicht zu sagen hätte ich doch noch …..Obwohl wenn er vollkommen abstürzen sollte werden diese gedanken immer irgendwo im kommen. Eigentlich tun sie mir nur leid!

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