Alter, stress mich nich‘

Mit Gefühlen ist das nicht so einfach. Gar nicht einfach.
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Ich finde es stets aufs Neue interessant, dass viele Süchtige sich fragen, warum sie getrunken, gespielt (gesoffen, gezockt) oder welche Droge auch immer zugeführt (sonst was eingeschmissen) haben und dann Sätze sagen wie „Ich verstehe das nicht, ich bin doch nicht dumm.“ Sie kommen nicht einmal auf die Idee, dass ihre Sucht nichts mit ihrer Intelligenz  (Mutter Erde sei Dank!) zu tun hat.

Wenn es also nicht die Überlegung, das Denken, die (mangelnde) Intelligenz ist, die mich in die Sucht gebracht hat – was ist es dann?

Es ist (Ihr ahnt es schon, was der Sender mal wieder sagen will) die unbekannte Welt der Gefühle. [Ich nehme hier jetzt mal keine Rücksicht auf die anderen Bedingungen bei der Entstehung einer Sucht wie Umweltbedingungen, Kultur usw.] Diese Gefühle zu entdecken, ist für viele Menschen derart schwierig, dass sie erst mal so tun, als hätten sie gar keine. (Ich kenne da jemanden aus Bremen, dem ging es ähnlich. Hat er mir erzählt.) 

Nun hat es beim Vogel Strauß schon seltenst funktioniert, einfach den Kopf in den Sand zu stecken, wenn eine Auseinandersetzung droht. Da klappt es beim Menschen schon gar nicht.

Also bleibt nur, weiterhin die Bedeutung der Gefühle entweder nicht wahrzunehmen oder sie zu negieren. Das klingt komisch. Ist aber so. Ich habe das bis heute immer wieder erlebt: Manche Süchtige, die schon länger spielfrei, trocken, abstinent sind, trauen sich immer noch nicht, sich mal vorsichtig an dieses beängstigende Gefühlsreich heranzupirschen.

Es ist auch sehr schwer, sich dem zu stellen, weil man manchmal nicht weiß, was eigentlich gerade mit einem passiert, wenn man ein sehr intensives Gefühl wahrnimmt. Zuweilen ist dann sofort eine Überforderung da und sorgt für ein weiteres Gefühl, die Angst. Und dann klappt es schon gar nicht, damit ins Reine zu kommen.

Als ich das erste Mal hörte, dass jedes Gefühl seine Berechtigung hat, hielt ich das für Therapeutengeschwätz! „So ein Quatsch, jedes Gefühl darf sein? Und was ist mit Neid oder Hass? Ich darf doch nicht hassen. Das ist ein schlechter Charakterzug!“

Und lange habe ich nicht verstanden, welchen Sinn Gefühle überhaupt machen. Die sind irgendwie anstrengend. Die sind für mich nicht berechenbar. Ich möchte es überschaubar: Pro – Contra – Strich drunter: Ergebnis. Das ist einfach, mit diesem Vorgehen kann ich leben. 

Schon vor der Therapie im St. Marienstift habe ich aber gelernt, dass ich selbst ja doch eine Unmenge von Gefühlen bei mir akzeptierte. Das waren die „guten“ Gefühle, also die angenehmen. Es ist mir nie schwergefallen zu lachen, zu gönnen, Mitleid zu haben. Und all‘ die harten Typen, die nie Gefühle zeigen, weil sie ja so cool sind: lachen können die alle.

Von dieser Erkenntnis ausgehend, konnte ich mir die anderen „schlechten“ – die unangenehmen, mir teilweise peinlichen – Gefühle nach und nach anschauen und als ich dann auch endlich herausfand, welchen Sinn zum Teufel nochmal Gefühle haben, wurde ich mutiger. Um diesen Sinn herauszufinden, brauchte ich Hilfe. Therapeuten mussten mich da langsam hinführen.

Ich kann das hier nicht allgemeingültig erklären, dazu weiß ich zuwenig darüber. Aber ich weiß, was ein Gefühl für mich ist: eine Reaktion auf eine Situation, ich der ich mich befinde (oder befand oder befinden werde). Ein Gefühl hilft mir, dieses Situation besser zu verstehen oder eher: die Situation zu leben. Wenn ich lachen muss, dann weil die Situation zum lachen ist. Wenn ich traurig bin, dann weil die Situation eine traurige ist. Ärger sagt mir deutlich: Das will ich so jetzt nicht, dass passt mir überhaupt nicht in den Kram!

Das muss sich für einen gesunden Menschen derartig dämlich anhören! Das aufzuschreiben ist mir peinlich! Aber so ist nun mal meine Geschichte, und deshalb schreibe ich hier.

Ärger – ein Phänomen für mich. Ich habe mich seltenst geärgert, das durfte für mich nicht sein. Ärger rauszulassen war doch peinlich! Sowas machte man einfach nicht. Wo kämen wir denn hin, wenn alle… und so weiter und so fort. Von Wut gar nicht zu reden.

Dann hatte ich in der Suchtklinik in Neuenkirchen/Vörden eine Indikationsgruppe – Kommunikationstrainig bei Norbert König – in der ich erfuhr, dass Kommunikation, also die Verständigung zwischen Menschen (Oh Gott, meine Kurzdefinitionen werden Weltreiche erschüttern, Jammer!), zu sage und schreibe nur sieben Prozent verbal, also durch Sprache, und zu den restlichen 93 Prozent non-verbal funktioniert: durch Gestik, Mimik, Kleidung, Geruch und so weiter.

Da wurde mir klar, dass mehr Entscheidungen aus dem Gefühl heraus getroffen werden als aus reiner Überlegung. Das haute mich um.

Dieses Wissen erleichterte es mir, mich mehr mit meinen Gefühlen zu beschäftigen, ihnen mehr Rechte zuzugestehen und mich – tataaa! – sogar von ihnen leiten zu lassen.

Daher schäme ich mich heute meiner Gefühle nicht mehr. (Na ja, okay, vielleicht ein klein wenig…)

Und wenn ich heute vom letzten Sonnabend erzähle, vom Tag der Ehemaligen, dann sage ich auch, dass ich durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen bin, so sehr, dass ich abends vollkommen erschöpft war – und es hat mir gefallen!

Daher gefühlsduselig: Weitermachen!

PS: der Umsatz aller Spielhallen in Deutschland hat sich seit 2005 verdreifacht.

 

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