Ab wann ist man spielsüchtig?

Die Frage „Ist mein Freund Mann Partner spielssüchtig?“ wurde mir in der letzten Zeit oft gestellt. Oder auch „Ab wann ist man eigentlich spielsüchtig?“ Eigentlich ist es relativ einfach, das zu beantworten.

So weit hergeholt ist das nicht: ich kenne einige Spielsüchtige, die Raubüberfälle begangen haben.

Man braucht dafür nur den gesunden Menschenverstand. Und muss rücksichtslos gegen seine Gefühle sein, wenn man den eventuell spielsüchtigen Partner einstufen möchte. Und das genaue Hinsehen auf die Situation und den Partner ist nötig. Also nicht die Augen verschließen und sich einreden, es ist nur eine Phase, das wird schon wieder, so schlimm ist es ja nicht…

Also: Spielsucht wird auch als pathologisches Spielen bezeichnet. Hört sich schlimm an. Ist es auch, es bedeutet nämlich krankhaftes Spielen. Gemeint ist, dass der Betroffene den Wunsch hat zu spielen, unabhängig von allen schrecklichen Folgen für seine Ehe, seine Familie, seinen Beruf, seine soziale Einbindung, seine Finanzen, seine…eben alles.

Von der Weltgesundheitsorganisation wird ein Verschlüsselungssystem der Medizin herausgegeben, es nennt sich ICD.  Die Ärzte in Deutschland und die Kliniken müssen entsprechend dieses Systems die gestellten Diagnosen verschlüsseln.

Und da steht nun folgendes über Spielsucht:

Pathologisches Spielen

Die Störung besteht in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt.

Wenn das nicht ausreicht, hier mal etwas anschaulicher formuliert, und zwar von einem der führenden Spielsuchtexperten, nämlich von mir…leider.

Irgendwann fängt man an mit dem Glücksspiel: in der Kneipe, in einem Imbiß am Automaten, im Internet auf den Pokerseiten…egal. Das ist in Ordnung, wenn es dabei bleibt.

Aber jetzt könnte folgendes auftreten: man spielt

  • immer häufiger
  • immer länger
  • mit immer höheren Einsätzen
  • Man verliert die Kontrolle über die Höhe des Einsatzes und spielt
  • mit allem zur Verfügung stehenden Geld: der Gehaltseingang am Monatsanfang wird komplett fürs Spielen abgehoben. Es werden Schulden gemacht. Wie man die Miete bezahlen soll, ist erst mal egal. Bis dahin gewinnt man ja wieder. Glaubt man.
  • Man versucht durch Spielen an mehreren Automaten gleichzeitig, an mehreren Pokertischen gleichzeitig, die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen zu erhöhen.

Jetzt kommen wir zum Ändern des Verhaltens: jetzt kommt nämlich das Lügen. Ich kann ein Lied davon singen.

  • Es wird gelogen auf Teufel komm raus, die Ehefrau wird angelogen, ebenso Freunde, Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen. Und sich selbst belügt man auch. Ich habe mich über zwei Jahre lang angelogen – und es hat geklappt. Mir war nämlich immer klar, dass ich morgen gewinnen werde. Ich war so sehr davon überzeugt, dass ich schon (Oh mein Gott, jetzt wird’s aber wirklich peinlich) Excel-Listen angelegt habe, in denen ich meinen Gewinn verteilte. Und weil ich mir so sicher war, dass ich alles richtig mache und ab morgen gewinnen werde, kam es mir gar nicht so vor, als würde ich lügen. Es war nur so: ich konnte das ja nicht erzählen, niemand würde es verstehen, aber wenn ich erst mal viel Geld gewonnen hätte, dann wären sie ja auch froh.
  • Natürlich gibt man nicht zu, in einer Spielhalle oder an einem Pokertisch gewesen zu sein. Man fängt an, heimlich zu spielen – und damit auch, heimlich zu leben.
  • Wenn man mal nicht spielen kann, wird man leicht aggressiv und ist ziemlich unruhig.
  • Man denkt andauernd ans Spielen, an bestimmte Spielsituationen, an bestimmte Automaten, an bestimmte Pokerblätter. Und mit andauernd meine ich andauernd: beim Aufwachen, beim Zähneputzen, Duschen, Brötchen schmieren, Frühstücken, Anziehen, zur Arbeit fahren…bis zum Einschlafen. Ich habe unentwegt an bestimmte Situationen am Pokertisch gedacht, an bestimmte Blätter – ich war so sehr gefangen von diesen Bildern, dass ich alles andere nur noch nebenbei gemacht habe.
  • Irgendwann realisiert man, dass man viel verloren hat. Dann sagt man sich, „ich muss wenigstens die Verluste wieder reinkriegen!“
  • Wenn man den Absprung vom Spielen nicht schafft, droht eine kriminelle Karriere. Denn zum Spielen braucht man Geld, viel Geld. Wo das Geld herkommt, ist egal, und wenn es durch Betrügereien ist oder durch andere sogenannte Beschaffungskriminalität.

Gelegentlich hat der Spielsüchtige auch helle Momente, in denen er erkennt, dass er vom Spielen nicht lassen kann. Er hat es schon ein paarmal versucht, aber es hat nicht funktioniert. Hilfe holen möchte er nicht, denn dazu schämt er sich zu sehr, darüber hinaus würde er dann auf die geliebte Spielsituation verzichten müssen. Dabei ist doch der Pokertisch der Ort, wo es ihm am besten geht. Oder die Spielhalle: die Leute dort mögen ihn, bringen ihm Cola, Pizza – alles kostenlos. Außerdem, wenn er jemanden davon erzählte, die könnten ihn ja als Charakterschwach einstufen, als Loser!

Dann will er unbedingt das Spiel austricksen: irgendwie muss es doch gelingen, diesen verdammten Geldspielautomat zu überlisten – oder die Pokertheorie so sehr zu büffeln, dass man mehr weiß als die anderen Spieler und mit diesem Wissen dann gewinnen kann.

Oft wartet ein Inkasso auf den Spielsuechtigen
Viele Spielsüchtige kennen dieses Wort ziemlich gut.

Es kommen dann merkwürdige Gedanken, die stark an Aberglauben erinnern: man glaubt, den Automaten „lesen“ zu können. Beim Roulette glaubt man, Serien zu erkennen („Jetzt ist 8-mal hintereinander Rot gekommen, jetzt muss Schwarz kommen!“). Das ist natürlich – der Leser ahnt es schon – völliger Quatsch: es könnte 2.382 Mal hintereinander Rot gekommen sein: die Wahrscheinlich für Schwarz oder Weiß wäre genauso groß wie immer.

Der Spielsüchtige hat einfach die Kontrolle über sein Spielverhalten verloren. Das kann ich relativ leicht verdeutlichen: Gewinne ich , spiele ich weiter, um noch mehr zu gewinnen. Verliere ich, spiele ich weiter, um überhaupt etwas zu gewinnen. Ich darf niemals aufhören, denn das würde ja bedeuten, ich könnte keinesfalls mehr die Verluste wieder zurückgewinnen oder mir würde zusätzlicher Gewinn entgehen.

Das gemeine am Spielen ist dabei, dass es ja gar nicht mehr ums Geld geht, sondern um den Kick! Das dopaminerge System im Körper hat sich durch das exzessive Spielen nämlich verändert. (Aber dazu in den nächsten Tagen mehr…)

Es ist einfach ein Teufelskreis, aus dem man alleine nicht herausfindet, es sei denn vielleicht, man ist Chuck Norris. Ich jedenfalls musste mir Hilfe holen. (Außerdem mag ich Chuck Norris nicht.)

Puh, das alles aufzuschreiben macht mich ganz schön fertig. Sucht ist so ätzend.

Und ab wann ist man nun spielsüchtig? Ich denke, ab dem Zeitpunkt, wo man nicht mehr aufhören kann. Und dieser Zeitpunkt ist bei jedem Spielsüchtigen verschieden. Es gibt also keine exakte Definition über den Zeitpunkt. Es gibt nur Anzeichen: Heimliches Spielen, Geld leihen, keine anderen Interessen mehr – sucht Euch was aus!

Ein kluger Mann hat mal gesagt „Der höchste Gewinn ist die Spielfreiheit! Mehr kann man nicht gewinnen.“

Du kannst auch den Selbsttest Glücksspielsucht machen. Ein paar Klicks (na ja, na gut: es sind 20 Klicks) und Du kannst Dich ungefähr einordnen.

Und noch etwas:

Mein Buch über meine Glücksspielsucht und meine stationäre Therapie ist jetzt (endlich) auch bei Amazon auf Lager.

Hier könnt Ihr es bestellen.

 

Daher gewinnbringend: Weitermachen!

PS: Der kluge Mann heißt übrigens Kai Sender und schreibt einen Blog über seine vermaledeite Sucht.

Palimm Palimm

Erst mal in Kurzform, weil über Handy:

Die Tür wurde geöffnet und ich bin -mit klopfendem Herzen eingetreten, begleitet von Gisela, die Gott sei Dank dabei war und mit mir zusammen auch die ersten Aufnahmegespräche geführt hat.

Jetzt heißt es, die Therapie zu beginnen. Ich bin mies drauf, hoffe das legt sich…

Weitermachen!